Wir freuen uns sehr, dass Sie sich heute für uns Zeit nehmen und uns als angehenden Weltraumarchitekt*innen einige Fragen beantworten und Einblicke in Ihre langjährige Expertise auf diesem Gebiet geben können. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, glaube ich, um ein Architekturbüro für den Weltraum zu gründen. Die Weltraumarchitektur kommt wieder auf uns zu. Es gab ja schon immer Weltraumarchitektur, und es gibt derzeit zwei Raumstationen im Orbit, aber dadurch, dass wir jetzt wieder zum Mond fliegen, ist der Hype größer geworden, und auch der Bedarf.
Was hat Sie denn dazu inspiriert, überhaupt Architektin zu werden, und sich dann auch noch in diesem Feld zu spezialisieren? Ich habe Architektur gemacht und war immer interessiert. Mein Ziel war es herauszufinden, was ich als Architektin tun kann, damit Leute besser arbeiten und besser leben können. Kurz gesagt: Die Idee war es, dort nachzuschauen, wo man am Extremsten lebt. Das war im Weltraum. Dann habe ich Astronauten und Kosmonauten interviewt und mir alle gebauten und gelebten Raumstationen angesehen, die es gegeben hat. Und diese habe ich dann auf Grundlage architektonischer Parameter und Erfahrungen, die die Leute hatten, miteinander verglichen. Außerdem habe ich sie verglichen nach den Human Activities: Sleep, Hygiene, Food, Work and Leisure, weil meine Annahme war, dass die menschlichen Bedürfnisse überall gleich sind, egal wo man ist. Das war eigentlich der Beginn. Es war nicht der Plan, dass ich Weltraumarchitektin werde, aber durch die Arbeit und das Interesse, das ich danach bekommen habe, hat sich das so entwickelt. Und es ist wirklich so, dass die Forschung, die ich im Weltraum gemacht habe, mir bei meiner Arbeit im Architekturbüro hilft.
2008 war der Beginn ihres Büros Space Craft. Wie kam es dazu und was machen Sie aktuell so? Mein erstes Projekt war der Shop meiner Freundin. Da war ich noch Studentin. Bei mir war der Beginn meiner Arbeit als Architektin eigentlich schleichend, weil ich immer schon neben dem Studium Projekte gemacht habe. Heute habe ich eine halbe Stelle an der Universität in der Forschung und eine halbe Stelle in meinem Büro, und das finde ich eine super Mischung, weil man Forschung und angewandte Arbeiten miteinander verbinden kann. Nur zu planen ist gerade im Weltraum sehr schwierig, weil viele Dinge und Ideen, die derzeit kursieren, in Wirklichkeit gar nicht so möglich sind. Man sieht dann, wenn man es baut, dass es oft ganz anders ausschaut. Meine Weltraumprojekte sind überwiegend Forschungsprojekte und in letzter Zeit auch sehr international, ich unterrichte zum Beispiel seit zwei Jahren auch in China. Und die Büroprojekte sind ganz normal: Es gibt ganz normale Bauherr*innen, die das Thema Weltraumarchitektur überhaupt nicht interessiert. Sie wollen einen Raum haben, der für sie funktioniert. Da muss man als Architekt*in zuhören und immer auch interpretieren.
Sie sind jetzt schon lange in diesem Feld tätig und besitzen eine große Expertise. Kennen Sie persönlich viele Architekt*innen oder Space Architects, die sich mit dem Thema beschäftigen? Ich kenne einige. Wir sind eine Gruppe. Wir haben 2012 ein internationales Techniker*innen-Sub-Komitee gegründet, das sich regelmäßig trifft und auch Konferenzen veranstaltet. Es ist nicht mehr so ein Spezialfeld, wie man glaubt, aber man muss immer noch erklären, was man tut und warum. Immer mehr junge Leute wollen sich mit dem Thema beschäftigen. Es ist nur so, dass es im Moment wenige Jobs in diesem Bereich gibt. Aber es gibt Forschungsprojekte und andere Arten, wie man in dem Gebiet, sagen wir mal, Geld verdienen kann. Mit den neuen Mondmissionen gibt es auf einmal ganz viele Start-ups und Firmengründungen. Es gibt große Chancen, in diesem Bereich tätig zu werden.
Was würden Sie sagen, ist der größte Unterschied zwischen der Architektur hier auf der Erde und der Architektur in solchen Extremsituationen im Weltraum? Das ist eine schwierige Frage, weil in Wirklichkeit gar nichts anders ist. Architektur ist Architektur. Architektur ist immer für Menschen gemacht. Die Menschen kommen von der Erde. So wie man auf der Erde unterschiedliche Wohnhäuser baut, in unterschiedlichen Klimazonen, so baut man auch im Weltraum anders. Das war der Gedanke meines Forschungsansatzes: Der Mensch ändert sich nicht, aber die Umgebung ändert sich. Was die Physik betrifft, ist jedoch alles anders. Man kann nicht leben – nicht überleben – ohne einen Raumanzug, ohne ein Habitat. Das ist ein riesiger Unterschied zum Leben auf der Erde. Auf der Erde gibt es nicht viele Orte, wo man ohne Habitat nicht überleben kann. Um im Weltraum arbeiten zu können, muss man zunächst viel wissen. Dinge funktionieren anders, aufgrund dieser unterschiedlichen Umgebungsbedingungen. Es gibt keine Atmosphäre, das heißt, wenn man atmen will, muss man das künstlich erzeugen. Sauerstoff, Luftgemisch, genauso wie Kühlung und Heizung. Wenn man es dann geschafft hat, zu überleben, ändert die Gravitation alles, was wir tun. Jede Bewegung ist anders. Im Weltraum kann man Wände, Decken und Böden benutzen. Es gibt kein oben und unten mehr. Dann ist es wiederum interessant, dass man sich überlegen muss, wofür man den Raum überhaupt plant. Wenn man auf der Erde zum Beispiel mehrere Ebenen hat, dann gibt es Stiegen, Rampen, oder einen Lift – das weiß man. Wenn man aber in der Schwerelosigkeit einen Raum zur Verfügung hat, kann man auf dieses Know-how nicht zurückgreifen, sondern man muss sich überlegen, was man wo und warum macht. Und das ist wiederum spannend, weil man dadurch auch für manche Dinge auf der Erde zu anderen Lösungen kommt.
Was war denn Ihr faszinierendstes, spannendstes Projekt, das Sie bis jetzt entwickelt haben? Wie sind Sie dabei mit den genannten Herausforderungen umgegangen? Jedes neue Projekt ist faszinierend. In der Architektur macht man nie das Gleiche. Man muss jedes Projekt immer neu anfangen. Ich habe gelernt zu schauen, wie der Raum benutzt wird oder wie er genutzt werden könnte. Zum Beispiel ist im Weltraum der Stauraum ein riesengroßes Thema. So eine Raumstation wird von unterschiedlichen Leuten benutzt, und die müssen immer alles finden. Da braucht man eine besondere Art von Ordnung, damit der Nächste auch das findet, was der Vorherige und der Vorvorherige irgendwo hingegeben hat. Und dieses Denken kommt mir auch bei Projekten auf der Erde zugute, weil das hier ähnlich ist. Auch die Orientierung ist ein interessantes und extrem großes Thema im Weltraum, weil die Orientierung in der Schwerelosigkeit so anders ist als auf der Erde. Bestimmte Bezugspunkte fehlen. Wenn oben auch unten sein kann, ist das ein bisschen zu viel für das Gehirn. Deshalb braucht es Fixpunkte. Man hat auf der Erde gelernt, Dinge zu finden. Zum Beispiel Klos, die sich in der Nähe von Stiegen und Liften befinden. Solche Räume findet man intuitiv. Deshalb ist so ein Thema auch für die Erde wichtig. Auch spannend in meinem Feld ist – weil ich oft mit Mini-Lösungen zu tun habe –, wie man einen kleinen Raum so gestalten kann, dass er größer wirkt, und man ihn auch räumlich zur Gänze ausnutzen kann. So etwas kann man auch gut in solch extremen Umgebungen anwenden. Es hört sich so an, als wäre man bei der Planung sehr eingebunden in gewisse technische Anforderungen oder auch logistische Möglichkeiten, die man hat.
Ist es denn so, dass künstlerische oder ästhetische Ansprüche, die in der Architektur auf der Erde häufig Vorrang haben, im Weltraum zum Teil wegfallen? Oder gibt es da doch Spielräume oder Perspektiven? Im Moment gibt es in der Praxis dafür keinen Spielraum. Aber man muss ihn schaffen. Denn das ist ja Teil unseres Seins. Ein Raum muss ästhetisch ansprechend sein, damit wir ihn benutzen wollen. Das ist auf der Erde so, und das ist im Weltraum auch so.
Ist das in gewisser Weise vielleicht auch eine Mission, die man als Weltraumarchitektin hat? Ich glaube, diese Mission bringt man als Architekt*in mit. Das ist eben ein Unterscheidungspunkt zum Ingenieur. Denn ein/e Ingenieur*in kann auch einen Raum, ein Haus oder eine Kapsel bauen. Aber den Raum so zu planen, dass er für Menschen bestmöglich geeignet ist, glaube ich, kann der/die Architekt*in sehr gut.
Können Sie vielleicht ein Beispiel nennen, wie die Raumfahrttechnologie bereits nachhaltige Entwicklungen auf der Erde beeinflusst hat? Bei der Ressourcenfrage zum Beispiel. Da ist es ein bisschen zwiespältig, weil einerseits verbraucht jeder von uns Ressourcen en masse und fast niemand denkt nach, wenn er einkaufen geht, wie viel Plastikmüll dabei entsteht. Andererseits haben wir ein sehr großes Bewusstsein dafür, was falsch läuft. Und dass man was tun muss in Hinblick auf die Erderwärmung, führt zu Angst. Und in diesem Vakuum muss man jetzt irgendwie schauen, wie man lebendig bleibt, und nach Lösungen suchen. Es bringt nichts zu sagen: »Hups! Es geht nicht.« Mein Ansatz ist zu schauen, wie man was tun kann. Und da kann man im Weltraum natürlich viel lernen, weil die Art, wie man dort über Ressourcen nachdenkt, eine ganz andere ist. Denn man hat keine Ressourcen, außer die, die man mitnimmt.
Gibt es aus Ihrer Sicht gesellschaftliche oder politische Maßnahmen, die Sie sich wünschen würden, um das Gebiet der Weltraumarchitektur besser zu fördern? Vielleicht Programme, Unterstützungen oder Ansätze, die verbessert oder anders gehandhabt werden könnten, basierend auf Ihren bisherigen Erfahrungen? Ja und nein. Es ist so, dass es langsam normal wird, dass ich die Weltraumarchitektur als Forschungsthema habe. Es war immer ein eher schräges Thema für andere Leute, und nie etwas »Echtes« oder etwas »Richtiges«. Dabei finde ich Space Architecture wichtig für die Universität und für verschiedene Auseinandersetzungen. Man muss nur aufpassen, was man verspricht. Ein Designstudio zum Thema Space Architecture mit dem Traum aufzuhören, dass man jetzt Weltraumarchitekt*in wird, ist nicht gut, da es ja im Normalfall keinen Job dafür gibt. Ich kenne zwar viele, die in diesem Bereich arbeiten, aber dann auch immer in sehr besonderen Nischen. Besser ist, wenn man sich dafür interessiert, dabei zu bleiben und gleichzeitig zu schauen, dass man einen bestimmten Aspekt oder Teil seiner Begabung stärkt. Das Coole an der TU ist, dass wir so viele verschiedene Fakultäten haben. Das würde ich mir mehr wünschen: Dass es mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit gibt. Das liebe ich an den Weltraumentwerfen. Dort kommen die unterschiedlichsten Vortragenden aus der Biologie, dem Ingenieurwesen, der Physik und der Chemie zusammen. Wenn, dann würde ich mir also etwas wünschen, dass Architekt*innen mit den anderen Fakultäten mehr zusammenarbeiten.
Welche Ratschläge in Bezug auf typische Fehler würden Sie jungen Menschen geben, die sich selbstständig machen möchten? Gibt es Stolpersteine oder Erfahrungen, die Sie im Nachhinein anders angehen würden? Ich glaube, wenn man sich selbstständig macht, muss man wissen, dass es viel Arbeit ist. Wenn man sich als Team selbstständig macht, muss man sich überlegen, ob man gemeinsam dieselben Ziele verfolgt und sich manche Dinge gleich ausmachen, zum Beispiel wenn es um Geld geht. Im Normalfall macht man zunächst bei einem Wettbewerb mit. Das ist oft auch eine gute Möglichkeit zu schauen, ob man als Team zusammen passt. Man kann auch Interviews führen, das ist immer ein Door-Opener. Das kann man natürlich strategisch einsetzen, indem man jemanden interviewt von einer Firma, bei der man vielleicht gerne arbeiten möchte. Man sollte Konferenzen mit Gleichgesinnten besuchen und dort Leute treffen. Auch sollte man sich überlegen, was man besonders gut kann. Es ist immer gut, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben. Es gibt so viele verschiedene Themen in der Architektur. Und es ist sicher gut, wenn man auf das aufbaut, was man mitbringt. Das stärkt.Sie haben erwähnt, dass heutzutage viele Forschungsprojekte durchgeführt werden, an denen selten auch Architekt*innen beteiligt sind.
Zur Zeit wird die Raumfahrt sehr stark gefördert. Angesichts der kontinuierlichen Weiterentwicklung in diesem Bereich: Glauben Sie, dass »Space Architect« in 100 oder 200 Jahren ein noch etablierterer Beruf sein wird? Das wird er schon viel früher, denn er ist schon ein Beruf. Es gibt ja wirkliche Leute, die sich Space Architect nennen. Man hat nur nicht besonders viele Baustellen. An den Projekten, die es jetzt zum Mond gibt, sind schon Architekt*innen-Teams beteiligt. Man wird sehen, wohin das in 100 Jahren führt.
Vielen Dank für Ihre Zeit und die Antworten! Das gibt uns viele Anregungen zum Nachdenken.