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Dr. Clemens Lothaller

Herzlichen Dank, Herr Dr. Lothaller, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen! Wir haben uns Ihre berufliche Laufbahn angeschaut und fanden es unglaublich spannend, dass Sie neben Ihrer medizinischen Karriere auch die Kosmonautenausbildung absolviert haben. Wie kam es dazu, dass Sie diesen außergewöhnlichen Weg eingeschlagen haben? Ach, das war eigentlich recht unerwartet. Ich war damals Turnusarzt, also in der Ausbildung zum Jungmediziner, und habe eines Tages in der Kronenzeitung ein Inserat gelesen: »Kosmonaut gesucht«. Das hat mich sofort neugierig gemacht. In der Anzeige stand, dass man ein abgeschlossenes wissenschaftliches Studium haben sollte – idealerweise mit Pilotenschein und Russischkenntnissen – und natürlich musste man topfit sein. Das hat mich irgendwie gereizt, auch wenn ich ehrlichgesagt weder Russisch sprechen noch fliegen konnte. Aber ich habe mich einfachbeworben, ohne große Erwartungen. Und dann – zu meiner großen Überraschung –wurde ich tatsächlich ausgewählt. Aus ursprünglich 400 Bewerbern wurden am Ende zwei von uns für die Ausbildung angenommen. Das Ganze hat mit einem Zeitungsinserat begonnen – heute fast unvorstellbar.

Und das war ja noch in der Zeit der Sowjetunion, richtig? Wie war es, in einemsolchen politischen Umfeld zu arbeiten, besonders während des Kalten Krieges? Genau, das war Ende der 1980er Jahre, eine spannende Zeit. Die Auswahl fand 1989statt, und 1990 ging es dann los mit der Ausbildung. Es war die Ära von Gorbatschow– die Sowjetunion öffnete sich ein wenig, aber es war trotzdem noch die Sowjetunion, ganz eindeutig. Die Zusammenarbeit war international. Wir hatten auch Kontakt zu deutschen Kosmonauten, darunter Sigmund Jähn, der berühmte DDR-Kosmonaut, sowie Franzosen und anderen. Es war eine Zeit des Umbruchs und man spürte, dass Informationen sehr kontrolliert wurden. Alles, was wir lernten – sei es über das Sojus-Raumschiff oder die Raumstation Mir – mussten wir händisch mitschreiben. Ich habe dort kein einziges Kopiergerät gesehen, geschweige denn einen Computer.

Das klingt nach einer enormen Belastung. Gab es auch Sicherheitsmaßnahmen, die Ihnen besonders aufgefallen sind?
Oh ja, auf jeden Fall. Wenn wir beispielsweise mit dem Auto nach Moskau gefahrensind, wurden wir immer von KGB-Leuten begleitet. Das war weniger, weil sie Angsthatten, dass wir etwas ausplaudern, sondern vielmehr zu unserer Sicherheit. Moskau war damals schon eine riesige Stadt mit hoher Kriminalität und es wäre für die Sowjets äußerst unangenehm gewesen, wenn uns etwas zugestoßen wäre. Aber man wusste immer, dass man beobachtet wurde – ein ständiges Gefühl von Kontrolle. Das war aber kein Problem.

Und wie sah die Ausbildung konkret aus? Welche körperlichen und psychischen Herausforderungen mussten Sie bewältigen?
Die Ausbildung war wirklich intensiv. Wir waren zwei Jahre im sogenannten Sternenstädtchen, einer streng abgeschirmten Luftwaffenbasis bei Moskau. Vorbereitet wurden wir damals für den Flug im Oktober 1991. Am Anfang standen fünf bis sechs Stunden Russischunterricht pro Tag auf dem Plan – das war Pflicht. Dadurch, dass aber auch wirklich keiner Englisch oder Deutsch sprach, hat man relativ schnell Russisch gelernt. Dann kam Sport dazu: Schwimmen, Laufen, Fußball, Krafttraining – jeden Tag etwas anderes. Die technischen Trainings waren ebenfalls extrem fordernd. Es gab Zentrifugen, Drehstühle, Unterdruckkammern und Simulatoren, die exakte Nachbauten der Sojus-Kapseln und der Raumstation Mir waren. Alles dort ist originalgetreu nachgebaut, sodass man quasi in einem Zwillingsmodell trainieren kann. Neben den ganzen Prüfungen gab es außerdem noch Überlebenstraining. Die Sojus-Kapseln sollten eigentlich auf dem Festland in Kasachstan landen, aber haben leider zu der Zeit ihr Ziel oft enorm verfehlt, alsogleich um mehrere tausend Kilometer, und sind dann irgendwo in entlegenen Gebieten wie Sibirien gelandet. Dafür mussten wir lernen, in verschiedenen Extremsituationen zu überleben – sei es in eisiger Kälte in Sibirien oder auf offenem Wasser. Beispielsweise liegt in jeder Kapsel ein Gewehr gegen Wölfe oder Bären oder auch eine Angelausrüstung, um im schlimmsten Fall mehrere Wochenüberleben zu können. Da die Wahrscheinlichkeit höher ist, irgendwo unkontrolliert ins Wasser zu fallen, als auf dem Festland zu landen, haben wir auch gelernt, wie man sich in solchen Fällen verhält. Das ganze Überlebenstraining war schon relativarchaisch, aber auch spannend.

Wie wurden Sie auf Isolation und die Enge im Weltraum vorbereitet? Für unseren geplanten Acht-Tage-Flug war die Enge kein großes Problem. Aber wir verbrachten oft viele Stunden in kleinen Trainingskapseln, um Notfälle zu üben. Später, bei der ESA, habe ich an längeren Isolationsexperimenten teilgenommen. Einmal war ich drei Monate lang in einem engen Raum – das war in Deutschland. Solche Experimente zeigen einem schnell, wie wichtig soziale Dynamiken sind. Bei einem der Experimente war eine Frau in unserer Crew, und das machte einen riesigen Unterschied. Frauen bringen oft eine ausgleichende Wirkung mit, besonders in solchen extremen Situationen.

Vielleicht im Anschluss, wie würden Sie die psychische Belastung von Langzeitmissionen oder jetzt auch für diese zukünftigen Mars-Missionenbeurteilen? Mars-Missionen dauern zwei bis drei Jahre und da wird die psychische Belastung eine der größten Herausforderungen sein. Gemischte Crews sind dafür definitiv von Vorteil. Ich kann aus eigener Erfahrung aus meinem Isolationsexperiment mit der ESA sagen, dass man nach drei Monaten auf 40 Quadratmetern etwas »deppert« wird. Eine Frau hat dabei alles doch sehr kalmiert. Ich denke, das ist auch der Grund, weshalb es heutzutage gang und gebe ist, gemischte Gruppen ins All zu schicken. Auch körperlich wird es anspruchsvoll. Der Muskelabbau in der Schwerelosigkeit ist eine riesige Herausforderung, und die Strahlenbelastung außerhalb des Magnetfeldes der Erde ist enorm. Hier gibt es noch viele offene Fragen, vor allem beim Strahlenschutz.

Welche Rolle spielen Farben, Licht und Raumgestaltung in solchen engen Umgebungen? Farben haben im Weltraum oft eine funktionale Bedeutung. Alles, was beispielsweise mit Elektrik zu tun hat, hat eine bestimmte Farbe, genauso wie Lebenserhaltungssysteme. Besonders wichtig ist aber Licht! Leider ist jede Luke oder Möglichkeit, rauszuschauen, sehr selten, da sie technisch einfach aufwendig sind. Auf der ISS gibt es die »Cupola«, ein großes Fenster mit Blick auf die Erde – das ist für die Psyche unglaublich wertvoll.

Eine Space-Architektin meinte: »Im Moment gibt es in der Praxis keinen Spielraum für künstlerische und ästhetische Ansprüche im Weltraum, aber man muss ihn schaffen, ein Raum muss ästhetisch ansprechend sein, damit man ihn benutzen kann.« Wie sehen Sie das?
Ich stimme ihr zu. Für Langzeitmissionen wird Ästhetik immer wichtiger. Auf der ISS hat man darauf kaum geachtet, aber wenn wir über Aufenthalte von mehreren Jahren sprechen, wird die Gestaltung von Lebensräumen eine große Rolle spielen.

Welche Entwicklungen wünschen Sie sich in der Raumfahrtmedizin und Psychologie?
In der Medizin ist der Fokus klar: Minimierung von Muskelabbau und Schutz vor Strahlung, besonders mit Blick auf die Marsflüge bald. In der Psychologie müssen wir soziale Dynamiken und den Umgang mit Isolation weiter erforschen. Es ist entscheidend, dass Astronauten sowohl körperlich als auch geistig gesund bleiben. Das bringt übrigens auch Vorteile für die Medizin auf der Erde mit sich.

Würden Sie heute noch einmal ins All fliegen? Sofort! Wenn mir jemand die Kosten bezahlt, bin ich morgen weg. Was raten Sie jungen Menschen, die eine Karriere in der Raumfahrt anstreben? Einfach Ausdauer, Nicht-Aufgeben und Durchhalten! Glaubt an euch selbst und habt den Mut, es zu versuchen! Ich hätte damals nie gedacht, dass ich einen Platzbekommen würde. Aber wer sich reinhängt und hartnäckig bleibt, kann es schaffen. Es hilft, sich in relevanten Organisationen wie der ESA zu engagieren. Und vor allem: Niemals aufgeben.

Vielen Dank, Herr Dr. Lothaller. Das war unglaublich spannend und inspirierend. Sehr gerne. Ich wünsche euch viel Erfolg für eure Arbeit!

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