
in diesem gespräch geht es um die entstehung und entwicklung eines architekturbüros aus südtirol. das interview wurde mit dem architekten walter pardeller geführt. er hat zusammen mit seinem kollegen josef putzer das büro pardeller putzer architekten gegründet. heute heißt es inzwischen busselli + scherer. die erzählte geschichte der büroentstehung wickelt sich von 1974 bis heute ab. in der architektur hat sich in dieser zeitspanne einiges verändert, besonders in den arbeitsweisen. ein architekt aus der neuen schule könnte sich den beruf ohne einen computer nicht mehr vorstellen. es ist aber nicht so lange her, dass die tische mit papier und stiften übersäht waren, anstatt mit maus und tastatur.
es ist eine interessante parallele zu heute. wir haben schon von mehreren büros gehört, dass man damals einfach angefangen hat. heute braucht man sofort eine professionelle webseite, einen eindrucksvollen namen, man muss sich auf social media plattformen aktivieren und braucht ein dafür geeignetes logo um überhaupt wahrgenommen zu werden.
das gespräch mit walter pardeller ist unserer meinung nach vor allem für die junge architektengeneration interessant. studenten die gerade dabei sind in die arbeitswelt einzutauchen. möglicherweise lassen wir uns heute zu sehr von kriterien und erwartungen einschüchtern, scheuen intensive arbeit und verantwortung. nicht nur in der architektur. das interview zeigt unserer nachkommenden generation wie viel man mit einer idee, und dem willen dieser idee eine kontinuität zu geben, erreichen kann.
wir bedanken uns für das interview.
gibt es eine geschichte zur bürogründung?
das büro ist aus einer freundschaft heraus entstanden, dem kollegen putzer. mit dem habe ich eine weile in wien gewohnt als studenten und wir haben uns gut verstanden. wir haben gemeinsam studiert. er hat das studium etwas vor mir beendet und ich kurz darauf im jahre 1974. wir haben damals schon gedacht, dass wir später ein büro gründen könnten. die absicht war nach fünf jahren arbeit und berufserfahrung das büro zu gründen.ich war noch in innsbruck und er in bozen. es gab einige wettbewerbe und wir haben uns gedacht wir könnten damit mal starten. gleich auf anhieb haben wir das kongresshaus in sexten gewonnen und dann auch den wettbewerb für das dorfzentrum in kiens. somit musste ich sehr schnell binnen monate meine stelle in innsbruck aufgeben.es war schon etwas abenteuerlich. wir haben keinen namen gehabt und gar nichts. nicht mal ein büro. wir mussten irgendwo räumlichkeiten mieten, das geld dafür irgendwo organisieren. das war alles ziemlich spannend.
die reihenfolge war somit zuerst der wettbewerb und dann die bürogründung?
ja. und nachdem es ja damals kein internet oder kommunikationsmöglichkeiten übers internet gab, wie wir es heute kennen, haben wir uns anfangs in einem café am brenner getroffen. ich kam von innsbruck mit dem zug und er von bozen. wir sind in der bar gesessen und haben dort entworfen, skizziert und gezeichnet. dann hat es einer von uns zwei daheim in der wohnung in sauberen handgezeichneten plänen transkribiert. es war noch alles ohne adresse und ohne garnichts. wir hatten nur die staatsprüfung und den stempel. im jahre 1980 wurde das büro gegründet. wir waren in der kammer eingetragen und dann kam der zuschlag und der auftrag vom gewonnenen wettbewerb. es war ein sprung ins kalte wasser. wir hatten arbeitserfahrung, aber eigene büroerfahrung in dem sinne hatten wir nicht.
demzufolge habt ihr euer büro mit öffentlichen aufträgen gestartet?
ja. völlig mit öffentlichen wettbewerben. wir haben da schnell einsteigen müssen, denn es waren dann terminarbeiten. und durch diese aufträge hat es dann eigentlich ganz gut funktioniert. es haben sich folgeaufträge aus den wettbewerben in sexten und kiens entwickelt, in der folge sind übers wohnbauinstitut noch weitere arbeiten gekommen und dann hat sich die arbeit langsam so entwickelt. später sind weitere wettbewerbe hinzugekommen, auch ein paar private aufträge wie ein hotel und sanierungen und dann kam der erste mitarbeiter hinzu.
wann war das, als der erste mitarbeiter hinzukam? war das recht bald als die beiden wettbewerbe am anfang gewonnen wurden?
nein, nein, das war nicht gleich. praktikanten und leute die zugearbeitet haben schon. wir haben z. b. am anfang auch die ersten ausschreibungen in auftrag gegeben. dann ist irgendwann in den achziger jahren michael scherer zuerst als praktikant aus deutschland und dann als mitarbeiter dazugestoßen. er war etliche jahre als mitarbeiter bei uns und irgendwann haben wir ihn als partner einbezogen. anfangs nur mit sehr kleinen anteilen und dann haben wir die anteile gedrittelt.
michael scherer leitet jetzt zusammen in einer partnerschaft das büro mit dem neuen büronamen busselli scherer?
es ist viele jahre so weitergegangen, dass wir zu dritt das büro geleitet haben, bis ich irgendwann gesehen haben, dass das büro weitergehen muss, die kontinuität vom büro beibehalten werden muss. ich bin dann nach vielen jahren 2022 voll ausgestiegen bin nur noch als kleiner teilhaber dringeblieben, und josef putzer genauso. später ist irgendwann als juniorpartner roberto busselli dazugekommen. er war davor schon langjähriger mitarbeiter bei uns und hatte sich gut eingearbeitet. es hat gut funktioniert.das büro ist jetzt busselli + scherer und hat sich völlig verändert. in der entwicklung, in der geschichte. es sind jetzt andere parameter, wenn man so will.
wie haben sich die projekte im laufe der bürogeschichte entwickelt?
es gab dann noch weitere wettbewerbe, die wir gewonnen haben. große aufträge waren z. b. das krankenhaus in brixen. es hat uns über viele jahre eine schöne arbeit verschafft. es waren arbeiten in baulosen und das büro konnte auf eine gewisse kontinuität bauen. ein weiterer größerer auftrag aus der anfangszeit war das altersheim in meran. es war eine zusammenarbeit mit dem architekten pius pircher. später sind dann auch direktaufträge gekommen über vorentwürfen und studien aber der großteil waren bei uns immer die öffentlichen arbeiten. jeweils entweder über wettbewerbe oder die meisten über vergabeverfahren. häufig auch folgeaufträge von größeren projekten.
welche bedeutung spielte am anfang die rolle nach außen? stichwort büro name, räumlichkeiten, auftreten, webseite, das schaffen einer identität.
das hat es ja gar nicht gegeben. das büro hat pardeller-putzer geheißen. wir haben uns gefragt, warum nicht putzer + pardeller weil der putzer größer ist wie ich, aber das war nur spaß. wir sind dann einfach nach alphabet vorgegangen und das wars. pardeller-putzer architekten. das war der name. p&p einfach als kleines siegel das wir als markenzeichen verwendet haben, aber besondere auftritte haben wir keine gehabt. wir haben einmal eine kleine büropublikation gemacht, haben es damals aber eher vernachlässigt schöne fotos zu machen oder die arbeiten zu dokumentieren. dafür stehen aber unsere bauten.
das kann man nicht zu damals vergleichen, die medien sind ganz andere. wenn ich heute in unser büro gehe - früher war unser tisch bedeckt mit skizzen, papier, stiften, modellen und modellausschnitten und dann waren noch gewisse flächen frei, wo man dann die pläne sauber mit hand zeichnen konnte. heute sind die wände schwarz gestrichen, die tische sind leer, es stehen bildschirme da und das minimum an utensilien. und dann gibt es eine saubere präsentation. und die präsentation zieht sich durch bis zum internetauftritt. für meinen geschmack schon manchmal zu viel auf diese präsentation und werbung ausgelegt. das büro funktioniert ja heute auch anders. es sind viel mehr bewerbungsverfahren und weniger wettbewerbe, die gemacht werden. bei privaten gehen die aufträge über bekanntschaften oder über die homepage.
wie kam es zu der entscheidung hauptsächlich im öffentlichen sektor tätig zu sein?
das hat sich einfach so ergeben. es war nicht gezielt das wir gesagt haben wir wollen nur öffentlich oder privat. das hat sich einfach ergeben.
der außenauftritt, den es am anfang nicht wirklich gegeben hat, hat sich der im laufe der bürogeschichte geändert? wann ist die erste homepage entstanden?
ja, heute ist es ganz anders, natürlich. genau weiß ich es nicht, aber ich glaube so um 2010, als wir mit den computern und dem internet angefangen haben, haben wir die erste homepage erstellt. der intensive auftritt nach außen über internetplattformen hat mit dem busselli angefangen. der scherer ist eigentlich der, der die rolle als klassischen architekten im büro eingenommen hat, und der busselli hat eher die rolle als manager übernommen. er kümmert sich somit auch vorwiegend über die pflege der webseite und dem auftritt nach außen und legt auch sehr viel wert darauf. nicht zuletzt auch mit der absicht über südtirol hinaus zu gehen.
das heißt es besteht der wunsch auch außerhalb von südtirol zu arbeiten?
ja genau, das ganze auf breitere beine zu stellen. es ist auch heute eine andere situation. es gibt eine andere konkurrenzsituation. durchs internet kann man überall arbeiten und von überall kommunizieren. wenn man als beispiel die sitzungen und treffen mit den fachplanern nimmt. frühere war es an der tagesordnung, dass man sich zusammensetzte und bespricht. heute geht das online.
zum thema erfahrung noch: wir haben wahnsinnig viel arbeiten müssen. wochenenden und in die nächte hinein. anders wäre das gar nicht gegangen. aber es war nie eine frage, wer wie viel arbeitet. das war nie ein thema. es war die freundschaft. es gab phasen, an denen ich mehr dran gesessen bin, manchmal der josef. das hat sich jetzt auch im neuen büro geändert. es wird viel mehr mit anteilen gearbeitet. mir fällt es deshalb ein, weil wenn man sich andere büros anschaut, die nicht funktioniert haben, dann war es oft wegen uneinigkeiten übers geld oder, weil einer das gefühl hatte, mehr gemacht zu haben als der andere oder weil man einen auftrag am land gezogen hat und deshalb mehr dafür wollte. das war dann manchmal der anfang vom ende. diese denkweise gab es bei uns nicht.
wie seit ihr an projekte gekommen? hat es krisenzeiten gegeben?
bürokrisen hat es in dem sinne nicht wirklich gegeben, auch wirtschaftlich. irgendwann gab es schon mal in den achtzigern eine situation, in der es so ausgeschaut hat, als hätten wir zu wenig arbeit, aber das haben wir dann auch gut überbrückt. sonst haben wir immer genug aufträge gehabt. wir mussten uns eigentlich nie um die um neue aufträge im sinne der klassischen projektakquise kümmern. dabei haben natürlich auch die aufträge in baulosen dazu beigetragen. anfangs mussten wir schon schauen, dass wir über wettbewerbe an auftrage herankommen, dann hat es sich eingependelt.
hätte sich das büro anders entwickelt, wenn ihr vorwiegend privataufträge gemacht hättet? hätte sich was an der arbeitsweise geändert?
die arbeitsweise hätte sich bestimmt geändert. man muss im privaten sektor im allgemeinen viel schneller zu einem ziel kommen. ein hotel will zu weihnachten aufmachen oder will die sommersaison unbedingt noch mitnehmen. von dem her wäre der termindruck anders gewesen. bei öffentlichen arbeiten ist es etwas gedehnter, dafür aber viel bürokratischer. privataufträge sind auch anfälliger für krisen, oder es fällt ein auftrag aus oder der bauherr wird zahlungsunfähig.
gab es in der geschichte eures büros eine art rollenverteilung? wurden und werden aufgabenbereiche und entscheidungen von bestimmten personen übernommen?
josef putzer war sicherlich eher der denker und der tüftler. den verwaltungsteil habe eher ich abgewickelt. das war so ganz gut und hat sich gut ergänzt. ich konnte so den josef in manchen fällen freispielen und er konnte sich auf den entwurf fokussieren. ich habe manchmal mehr die bauleitung übernommen. wir haben uns das ganz locker ausgemacht. aber es war nie so dass z. b. ein mitarbeiter sein eigenes projekt hatte. es war immer das ganze büro, das zusammen das projekt gemacht hat.
war die entwicklung vom büro von anfang an klar? stichwort was für projekte machen wir oder wie groß wird das büro?
die entwicklung war schon geplant und gewollt aber nicht im präzisen. aber es gab nicht wirklich ausgesprochene entwicklungsziele oder meilensteine. gedacht sicherlich. man braucht eine gewisse bürogröße damit größere projekte funktionieren. es steigen auch die kosten für räumlichkeiten und utensilien. früher waren es weniger als heute. da hatte man eine reißschiene heute hat man computer und programme und man hat andere strukturen. dafür braucht man heute weniger arbeitsfläche als früher.
wart ihr immer im gleichen büro oder seid ihr irgendwann umgezogen?
nein, nein, wir sind umgezogen. an anfang waren wir in der museumsstraße im jahre 80. dann ist irgendwann im gleichen stockwerk noch ein büro freigeworden, da haben wir dann den ganzen stock belegt. dann sind wir in die leonardo da vinci straße umgezogen. wieder ein ganzes stockwerk. wir hatten zeitweise auch ein außenbüro einen stock darüber. da haben wir einen wettbewerb koordiniert für das krankenhaus in bozen - ein riesenauftrag. dafür kamen zeitweise acht neue mitarbeiter ins erweiterte büro für die zeit dieses auftrages. üblicherweise waren wir fünf bis sechs leute. jetzt sind es sieben. wir sind was die mitarbeiter angeht international. im jetzigen büro haben wir mitarbeiter aus ganz italien, eine mexikanerin, und einen aus argentinier. dazu kommen praktikanten.
als abschließende frage - gibt es was wo du sagst, das hätte ich rückblickend gerne anders gemacht?
man lernt gewisse sachen erst mit der zeit. manchmal gibt es situationen in der planung von projekten, die man im nachhinein gerne anders gestaltet hätte, aber das passiert. manchmal hätte man sich mehr wehren müssen, wenn auftrage mittendrin verloren gehen oder ein teil ausgenommen wird. man hätte dieser situationen vielleicht mehr aufmerksamkeit widmen können. manchmal wurden projekte von dritten nicht mit der nötigen fürsorge übernommen und entwickelten sich dadurch anders als von uns erhofft.aber im großen und ganzen hat es gut funktioniert, sonst würde es das büro auch nicht mehr geben. mittlerweile über 40 jahr - das ist schon ein brauchbares alter.
das war unsere
mit walter pardeller