[viza‘vi:] im Gespräch mit Daniel Mittendorfer

Das Projekt Garage Grande startete im Juni 2020 in einem stillgelegten Parkhaus. Die alte Garage wird vielseitig neu genutzt und stellt einen Begegnungsort für die Anwohner*innen Ottakrings dar. Im Erdgeschoss werden Fahrräder repariert und es wird geklettert, im 1. OG gegärtnert, im 2. OG gibt es Raum für Kunst und im 3. und 4. OG eine Imkerei, es gibt einen Kleidertausch und Aikido. Die Klimawerkstatt der Garage Grande sorgt nun schon seit fünf Jahren für ein besseres Mikroklima im Stadtteil und fördert den sozialen Zusammenhalt. Bevor es im Frühjahr 2025 weiter geht, treffen wir während der Winterpause Daniel Mittendorfer, Imker und Mitarbeiter der Gebietsbetreuung Stadterneuerung, die die Garage Grande betreibt .

:] Im Rahmen eines Moduls an der TU Wien sollen wir unser eigenes Architekturbüro gründen und haben uns dazu entschieden, uns zu viert als Kollektiv zusammenzuschließen. Innerhalb dessen möchten wir uns mit Leerstand vor allem in Wien beschäftigen, mit Baulücken und Nutzungslücken, und sind so auf die Garage Grande gestoßen.Da kennt ihr wahrscheinlich die Kreativen Räume, die Service- und Beratungsstelle der Stadt Wien, die sich in erster Linie mit Leerstand und Baulücken beschäftigt.

D. M. Wir von der Gebietsbetreuung haben die Garage mehr zufällig gekriegt. Ursprünglich war es die Garage von Wiener Wohnen aus den 1970er Jahren, heute ist sie aber nicht mehr benutzbar, weil die Rampen zu steil, die Umgebung zu eng und sie für moderne Autos zu klein ist. Der Bauträger Ulreich hat die Garage vor einigen Jahren gekauft und wird sie abreißen, um ein Wohnhaus hinzubauen.

Wir haben die Garage ursprünglich von Juni 2020 bis Ende 2022 für das Projekt Garage Grande zur Verfügung gestellt bekommen, jedoch läuft es bisher immer noch weiter. Wir wissen aber immer nur von einem Jahr auf das Nächste, ob wir weitermachen können, was für die Planung ein bisschen schwierig, aber nicht dramatisch ist.

"Wir wissen aber immer nur von einem Jahr auf das Nächste, ob wir weitermachen können, was für die Planung ein bisschen schwierig, aber nicht dramatisch ist."

:]  Bekommt der Bauträger Geld von euch oder von der Stadt Wien?

D. M.  Nein, gar nicht. Ulreich hat selbst einiges investiert, er hat uns ein Klo eingebaut, zahlt den Strom, das Wasser und auch die ganzen Abgaben. Wir hätten auch kein Geld dafür, es zu bezahlen. Von der anderen Seite ist noch eine Tiefgarage befahrbar, diese Stellplätze vermietet er - und es ist natürlich eine gute Werbeplattform für ihn. Im Inneren der Garage befinden sich unterschiedliche Orte der Zwischennutzung, wobei alles kostenfrei ohne monetären Austausch stattfindet.

Es soll ein Nachbarschaftsraum sein und es ist zu einem recht dynamischen Ort geworden, die Nutzungen variieren ständig bei insgesamt 100 Nutzer*innen, die teilweise regelmäßig, teilweise über längere Zeit hier sind.

"Es soll ein Nachbarschaftsraum sein und es ist zu einem recht dynamischen Ort geworden, die Nutzungen variieren ständig bei insgesamt 100 Nutzer*innen, die teilweise regelmäßig, teilweise über längere Zeit hier sind. "

Es soll ein Nachbarschaftsraum sein und es ist zu einem recht dynamischen Ort geworden, die Nutzungen variieren ständig bei insgesamt 100 Nutzer*innen, die teilweise regelmäßig, teilweise über längere Zeit hier sind. Die Boulderwand beispielsweise hat eine Klettergruppe selbst gebaut und sich kurz danach mehr oder weniger aufgelöst, jetzt gibt es keine fixen Tage mehr, wo man bouldern kann. Ab Ostern herum sind die Öffnungszeiten dann immer Donnerstag Nachmittag.

Es sind einige Nutzerinnen, die selber drinnen etwas machen und dann auch einen Zugang haben. Die nehmen dann auch Leute mit und können auch unabhängig von uns etwas hier drinnen machen. Die Tischtennisgruppe beispielsweise haben immer am Dienstag FLINTA Training und am Mittwoch Schnittwoch, wo das Schnitttraining stattfindet.Da hinten sind dann noch die Bienenstöcke, derzeit sind wir zwei Imker und im Frühjahr kommt eine neue Imkerin. Das hier ist ein super Standort für Bienen und in der Stadt imkern ist auch einfacher als am Land, man muss kaum füttern, weil sie immer irgendwas finden, und man hat keine Pestizide.

oben: Anagramm an der Fassade in Arbeit (®Garage Grande)
unten: Bienenstöcke in der Garage Grande (®Garage Grande)

:] Sind die Akteur*innen Anwohner*innen, oder kommen sie auch von weiter weg her?

D. M. Es kommt auf das Angebot an, die Leute von der Tischtennis Gruppe kommen eigentlich aus der Parkszene und sind normalerweise im Tigerpark oder am Yppenplatz und haben für Schlechtwetter etwas gesucht.

:] Gab es, bevor ihr die Garage bekommen habt, noch andere Ideen zur Nutzung des Ortes?

D. M. Eigentlich nicht, soweit ich weiß. Ulreich hat es gekauft und leer stehen lassen. Bevor es die Garage Grande geworden ist, gab es einzelne Veranstaltungen hier drin. Der Bauträger hat nur den Plan, dass ein Wohnhaus gebaut wird, aber mehr konkrete Pläne hat es nicht gegeben.

:] So geht es dann von Jahr zu Jahr immer weiter. Wirkt sich das auch auf die Nutzung aus, dass man weiß, man ist nicht für immer da?

D. M. Im Grunde schon, für uns ist es ein bisschen schwierig zu planen, da wir erst im Herbst erfahren haben, ob es im Jänner 2025 weitergeht, oder nicht. Solange wir jedoch keine Info vom Bauträger kriegen, rechnen wir damit, dass es weitergeht.

Hätten wir nur von Anfang an gewusst, dass es länger gehen wird als drei Jahre, dann hätten wir ein bisschen anders konzipiert. Es ist jedoch recht dynamisch, es gibt ein paar Sachen, die fix sind und es gibt andere Sachen, die jedes Jahr anders sind.
Die Radwerkstatt ist beispielsweise fix, das war ursprünglich ein Verein, der mittlerweile zu einer losen Gruppe von Fahrradbastlern geworden ist, die einmal in der Woche eine offene Radwerkstatt in der Saison anbieten.

Spielstadt in der Garage Grande (®Garage Grande)

:] Wie lange hat es eigentlich gedauert, von der Bereitstellung der Garage bis zur ersten Nutzung?

D. M. Im Herbst 2019 war klar, dass wir die Garage haben können, und ab März 2020 haben die ersten Sachen hier drinnen gestartet. Einige Nutzerinnen, die damals schon dabei waren, sind immer noch dabei und sind eigentlich diejenigen, die das ganze Projekt aufrechterhalten. Sie identifizieren sich sehr stark mit dem Ort, investieren Zeit und so funktioniert es ganz gut.

:] Die Nutzung der Garage hat wahrscheinlich im Erdgeschoss angefangen, oder?

D. M. Ursprünglich hatten wir den Plan, jedes Deck thematisch zu definieren. Begrünung oder Garteln auf einem Deck, Sport und Spielen auf einem Deck, Kunst und Kultur, sowie Teilen und Tauschen. Allerdings hat es sich dann eher verselbstständigt.

Es sind dann auch relativ viele Nachbarn aus der direkten Umgebung gekommen und haben ihre Ideen einbracht, die wir hier umgesetzt haben. So ist es relativ unkompliziert und barrierefrei, man muss nur irgendwann einmal zu mir kommen und die Nutzungsvereinbarung unterschreiben und bekommt dann den Zugang.

Sonntag ist grundsätzlich geschlossen, ansonsten kann man von 9 bis 21 Uhr hier drin Sachen machen.Es gibt auch große Einschränkungen, wie zum Beispiel, dass man keine Musik machen darf, weil alles offen ist.

:] Ist die Garage Grande gleich von der Nachbarschaft angenommen worden? Habt ihr Werbung gemacht?

D. M. Wir haben in der direkten Umgebung einfach Aushänge gemacht und die Leute darauf aufmerksam gemacht, was wir vorhaben und dass sie sich selbst einbringen können.

Am Anfang gab es jedoch in erster Linie Beschwerden, da wir draußen die Parkspur gesperrt und Parkplätze weggenommen haben. Wir kriegen auch immer noch Beschwerden, aber es hat sich beruhigt und vor allem sind des nicht mehr wirklich Beschwerden, sondern eher Hinweise, worum sich gekümmert werden soll. Es hat einfach eine andere Form von Identifikation stattgefunden mit dem ganzen Raum und dem Projekt.

:] Wer sind denn so die Nutzer*innen, welche Altersgruppe, welche Berufsgruppe?

D. M. Beim Tischtennis sind manchmal ein paar Jugendliche dabei, aber eher wenig. Es kommen auch nur wenige ältere Menschen, die nutzen vor allem unser Teil- und Tauschangebot. Die Nutzer*innen sind demnach zwischen 20 und 60 Jahren alt, von der Herkunft her ist es quer durchgemischt.

:] Gibt es auch Personen, die einen professionell bei manchen Tätigkeiten unterstützen können? Wie beispielsweise eine Tischler*in, die beim freien Werkeln helfen könnte?

D. M. Eine Kollegin ist Tischlerin und Architektin und ist am Donnerstag oft da und wir haben ein Projekt, die Klimawerkstatt, dort geht es auch um Upcycling, Recycling, es werden Dinge gebaut, die nachhaltig sind. Da wird es dann wahrscheinlich wieder offene Werkstatttermine geben, zusätzlich zu dem, dass wir am Donnerstag den normalen Öffnungstag haben.

Team Garage Grande und Nutzr*innen (®Tim Dornaus)

:] Wie viele Helfende habt ihr dann hier? Oder wie viele beteiligen sich an der Organisation des Projekts?

D. M. Also, von unseren Teams sind wir zu viert und es sind immer zwei da. Zusätzlich haben wir noch eine Kooperation mit „Jugend am Werk“, die haben dann Praktikanten, die uns am Donnerstag helfen, beim Zusammenräumen und Putzen.

:] Hat sich das auch entwickelt über die Zeit? War es vor dem Anfang schon so, dass ihr zu viert wart oder seid ihr mehr geworden?

D. M. Wir sind weniger geworden, da wir auch noch andere Projekte haben, wo immer viele Mitarbeiterstunden reinfließen.

:] Betreut ihr noch weitere ähnliche Zwischennutzungs-Projekte?

D. M. Nein, das ist das einzige Zwischen-Nutzungsprojekt, das wir betreuen.
Zusätzlich haben wir die Grätzl-Zeitung, wir beraten zum Thema Wohnen, Häuser, die vernachlässigt werden, wo die Hausverwaltungen sich nicht melden, oder auch wo Absiedlungsdruck da ist. Wir machen auch viel Vernetzungsarbeit, immer wieder Bürgerbeteiligungsprojekte, wenn es um Umgestaltung im öffentlichen Raum geht, wie zum Beispiel die Thaliastraße, da haben wir Bürgerbeteiligungen parallel zur Umgestaltung gemacht. Die Empfehlungen von diesen Befragungen geben wir dann an die Planungsbüros weiter.


Grätzeloase vor der Garage Grande (®Epilog photography)

:] Werden die Befragungen gut angenommen, machen alle mit oder ist es eher eine bestimmte Personengruppe?

D. M. Die Befragungen funktionieren eigentlich sehr gut, es ist dann nur oft frustrierend, dass die Vorschläge nicht alle umsetzbar sind, finanziell eben auch nicht.

Bei diesen Befragungen ist ein generelles Thema, dass die Vorstellungen von der Bevölkerung nicht unbedingt dem entsprechen, was auch gemacht werden kann. Nichtsdestotrotz können Ideen einfließen und wir sind dann für die verschiedenen Magistratsabteilungen dazu da, dass wir bei der Bevölkerung abklopfen: Was braucht’s? Was wollen sie?

:] Wie führt ihr diese Befragungen durch?

D. M. Ganz unterschiedlich, von online über persönlich, je nach Situation. Wenn wir größere Befragungen haben, dann haben wir meistens noch zusätzliche Plattformen online, auf denen Fragebögen zu finden sind. Die sind abgestimmt auf die jeweilige Situation oder auf die jeweiligen Bedürfnisse.

:] Macht ihr noch aktiv Werbung, wie zum Beispiel auf Instagram?

D. M. Wir haben Instagram, wir haben eine eigene Homepage und einen Newsletter. Aber Werbung machen brauchen wir für dieses Projekt nicht. Lustig ist, dass teilweise Studierenden-Gruppen aus Finnland, Amerika, oder sonst irgendwo hier her kommen und eine Führung besuchen. Es kommen aber immer wieder auch Leute aus der unmittelbaren Umgebung vorbei, die von der Garage noch nichts mitgekriegt haben. Wobei das Gebäude von außen schon auffällig ist durch die Kunstinstallation.

Die künstlerische Gestaltung hat David Reumüller gemacht, ein Künstler aus Graz, als Projekt von Kunst im öffentlichen Raum Wien. Er hat die Struktur mit zwei Beamern an die Fassade projiziert und mit seinem Team dann in der Nacht nachgemalt.

"Da sind Leute gekommen, haben sich Tisch, Sessel und Bier hergestellt, die Polizei ist mehrmals da gewesen, einer von den Künstlern hat sich in eine Polizistin verliebt, das waren alles sehr schräge Sachen."

Slide 1: ursprüngliche Fassade (®Epilog photography)
Slide 2: Fassadengestaltung David Reumüller Garage Grande (®David Rumüller)

:] Habt ihr denn generell auch mal ein Problem gehabt mit Vandalismus, oder dass Leute bewusst etwas kaputt machen wollten?

D. M. Wenig. Also erstens, man kann in einer Stahlbeton-Garage grundsätzlich mal wenig hinmachen, es ist auch zum Ausprobieren für uns super. Wir haben am Anfang ein paar einzelne Fälle von Diebstahl gehabt, da hat die Radwerkstatt über eine Förderung gerade neues Werkzeug besorgt, um 5.000 Euro, und das war am nächsten Tag weg. Die Müllabfuhr kommt rein, was bedeutet, dass auch andere den Schlüssel haben. Vor einigen Jahren war mal eine Gruppe Jugendlicher da, die dann alles angespieben haben, weil sie sich schon zu Mittag so betrunken hatten.

:] Gibt es schon eine Idee, wohin man nach Abbruch der Garage umsiedeln könnte?

D. M. Die Idee gibt es schon, aber wir haben keinen Raum, falls irgendwas auftaucht, das passen würde, sofort. Auch die ganzen Leute, sie haben sich sehr stark mit dem Ort identifiziert und es ist natürlich schade, wenn es dann einfach aufhört, weil es diesen Raum nicht mehr gibt.

:] Hat es eigentlich vom Bauträger schon die Idee gegeben, im neuen Gebäude einen Raum zu schaffen, wo so etwas wieder stattfinden könnte?

D. M. Das war ursprünglich seine Idee, dass er das Erdgeschoss als Nachbarschaftsraum plant, im Gegenzug wollte er aber höher als die Bauklasse erlaubt bauen. Und das ist ihm natürlich nicht durchgegangen.

:] Unterstützt die Stadt Wien grundsätzlich Projekte dieser Art, oder muss man ein bisschen drum kämpfen?

D. M. Also, in dem Fall steht vor allem der Bezirksstädtebau voll hinter dem Projekt, was sehr praktisch ist was Genehmigungen betrifft. Wir haben auch grundsätzlich einen guten Kontakt zu den ganzen Magistratsabteilungen, und die Stadt selbst hat eine eigene Organisation, eben die kreativen Räume, die sich um den Leerstand kümmert.
Grundsätzlich wollen sie schon, dass die Erdgeschosszonen belebt werden, aber es hängt halt von den privaten Bauträgern ab.

"Die Garage Grande ist für eine Zwischennutzung extrem groß und auch schon extrem lange hier, was ungewöhnlich ist. "

:] Würdest du abschließend sagen, dass das Projekt der Zwischennutzung erfolgreich war?

Spielstadt Garage Grande 2021 (®Epilog photography)

D. M. Auf jeden Fall. Wie gesagt haben wir über 100 Nutzer*innen, die etwas machen. Es wird super angenommen und es findet auch eine interessante Durchmischung statt. Der Typ, der oben sein Wohnzimmer aufgebaut hat, genießt es, speziell wenn Ausstellungen sind, auf junge Künstler zu treffen, weil es Leute sind, mit denen er sonst nie in Kontakt kommen würde. Das Soziale hat hier schon einen hohen Stellenwert.

:] Toll, dass es Leute gibt, die von Anfang an dabei sind und auch neue dazukommen. Diese Dynamik ist wichtig, um so ein Projekt am Laufen zu halten.

D. M. Ja, auf jeden Fall.  
Bei den Künstlern werden wir heuer nur ein bisschen anderes Konzept fahren, weil es meistens Einzelausstellungen waren und das hat auch keinen nachhaltigen Charakter. Aber wenn man eine Idee hat, kann man hier was machen und das funktioniert eigentlich sehr gut.