Einleitung

Der Augarten ist einer der historisch bedeutendsten Parks Wiens – ein barocker Garten, dessen räumliche Ordnung, Normen und Nutzungscodes bis heute wirksam sind. Während Wien als multikulturelle Stadt gilt, zeigt sich im Augarten eine überraschend eingeschränkte sichtbare Diversität. Auf den ersten Blick erscheint der Park als demokratischer, allen zugänglicher Stadtraum. Bei genauerem Hinsehen werden jedoch feine soziale Codes, historisch gewachsene Nutzungsmuster und gegenwärtige stadtpolitische Dynamiken sichtbar, die den Raum strukturieren und unterschiedlich zugänglich machen.

Diese Publikation widmet sich dem Augarten als einem Raum, in dem solche Codes wirksam sind. Ziel ist es, diese oft impliziten Regeln und Ordnungen zu erkennen, zu benennen und sichtbar zu machen. Dabei steht weniger die Bewertung als das Verstehen im Vordergrund: Wie prägen barocke Gestaltungsprinzipien, ungeschriebene Verhaltensregeln, gentrifizierte Wohnstrukturen und individuelle Wahrnehmungen den heutigen Park?

Im Projekt werden unterschiedliche Methoden eingesetzt, um diese Zusammenhänge zu untersuchen. Empirische Beobachtungen, Infografiken, Datenanalysen und eine Fotoserie werden durch qualitative Interviews ergänzt. Ein zentrales Werkzeug bildet dabei die Umfrage, verstanden als dialogisches Instrument: Sie dient nicht der statistischen Repräsentativität, sondern dem direkten Austausch mit den Nutzer*innen des Parks. Über alltägliche Aussagen zu Verhalten, Nutzung und Wahrnehmung lassen sich Rückschlüsse auf Wirkungsweisen des öffentlichen Raums ziehen.

Ergänzend dazu fließen Expert*inneninterviews in die Untersuchung ein, um historische, planerische und gesellschaftliche Perspektiven auf den Augarten einzubeziehen. Durch die Kombination dieser Zugänge entsteht ein vielschichtiges Bild des Parks – als gestalteter Raum, als sozialer Ort und als Träger historischer und gegenwärtiger Codes. Die Publikation versteht sich als Versuch, diese Codes lesbar zu machen und den Augarten als aktiven Akteur im urbanen Gefüge Wiens zu begreifen.

Der Augarten ist einer der historisch bedeutendsten Parks Wiens – ein barocker Garten, dessen räumliche Ordnung, Normen und Nutzungscodes bis heute wirksam sind. Während Wien als multikulturelle Stadt gilt, zeigt sich im Augarten eine überraschend eingeschränkte sichtbare Diversität. Auf den ersten Blick scheint der Park ein demokratischer, allen zugänglicher Stadtraum zu sein. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich jedoch feine soziale Codes, historisch gewachsene Nutzungsmuster und gegenwärtige stadtpolitische Dynamiken, die bestimmte Gruppen stärker ein- oder ausschließen.

Diese Publikation untersucht den Augarten als Spiegel sozialer Ordnung: Wie prägen barocke Gestaltungsprinzipien, ungeschriebene Verhaltensregeln, gentrifizierte Wohnstrukturen und Wahrnehmungen der Nutzer*innen den heutigen Park? Mithilfe empirischer Beobachtungen, Infografiken,Datenanalysen, einer Fotoserie und qualitativen Interviews untersuchen wir, wie sich historische Machtverhältnisse in die Gegenwart fortschreiben – und wie sie im Raum sichtbar werden. Ziel ist es, zu verstehen, wie sozialer Ausschluss in einem vermeintlich offenen öffentlichen Raum entsteht und welche Gestaltungs- sowie Nutzungscodes dazu beitragen.

HISTORISCHE CODES

CODE 1

Exklusivität und regulierte Öffentlichkeit

Die Geschichte des Augartens zeigt, dass seine heutigen sozialen Dynamiken nichtzufällig entstanden sind, sondern über Jahrhunderte durch politische Machtverhältnisse, ästhetische Setzungen und Nutzungsordnungen geprägt wurden.

Als Jagdgebiet Kaiser Matthias’ im frühen 17. Jahrhundert und später als barocker Hofgarten unter Ferdinand III., Joseph I. und Karl VI. war der Augarten ein exklusives Herrschaftsareal. Die strengeGeometrie des französischen Barockgartens kodierte den Raum visuell und performativ als Ort aristokratischer Kontrolle und repräsentativer Ordnung.

Dieser formale Gartenbau ist mehr als Ästhetik: Er ist ein Projekt politischer Herrschaft über Raum, Natur und Menschen, ein Privileg der Elite, das den Machtanspruch des Adels und der Habsburger visuell und räumlich verdeutlichte. Die räumliche Gestalt desAugartens ist eine codierte Aussage und Machtanspruch in sich selbst.

Ursprünglich als ein Ort aristokratischer Jagd und Machtdemonstration blieb nach Öffnung ungleiche Teilhabe bestehen (bürgerliche Kulturcodes, höfische Normen).

CODE 2

Der Park als Bühne

Ein zentraler sozialhistorischer Wendepunkt war die Öffnung des Augartens 1775 durch Joseph II. für die Allgemeinheit. Auf dem Portaleingang steht noch heute:

«Allen Menschen gewidmeter Erlustigungsort von ihrem Schaetzer»

Aber diese Geste war doppelt codiert: Einerseits war es ein aufklärerischer Akt: Ein Symbol für Volksnähe, soziale Teilhabe, Fortschritt. Andererseits bleibt die Frage: War diese Öffnung wirklich gleichberechtigt?

Mit der Öffnung des Parks für die Allgemeinheit Mitte des 18. Jahrhunderts verlagerte sich der Code von Exklusivität zu regulierter Öffentlichkeit. Die Bevölkerung durfte den Park benutzen, jedoch in einer Form, die weiterhin höfische Repräsentation und bürgerliche Selbstdisziplin verlangte. Die frühe Konzertkultur (Mozart, Beethoven) manifestierte den Augarten als Bühne, an der soziale Zugehörigkeit performativ verhandelt wurde.

Bühne wird Ort, an dem gesellschaftliche Zugehörigkeiten performt werden: Kultur im Augarten war immer auch Klassenmarker.

CODE 3

Einschreibung politischer Gewalt

Im 20. Jahrhundert wurde der Park zum Schauplatz politischer Gewalt: Panzerfahrten, Zerstörung und Massengräber während des Zweiten Weltkriegs sowie der Bau der Flaktürme markierten eine radikale Umkodierung des öffentlichen Raums als militärische Infrastruktur. Diese Eingriffe wirken bis heute als physisches und symbolisches Sediment.

Der Augarten war nicht nur ein Ort der Kultur, sondern auch symbolisch politisch bedeutsam. Während des Zweiten Weltkriegs errichteten die Nationalsozialisten im Park zwei gewaltige Flaktürme, um Wien gegen alliierte Bombenangriffe zu verteidigen. Diese Türme stehen bis heute im Park, als Mahnmale des Krieges, der totalitären Macht und der instrumentalisierten Stadtlandschaft.

Auch die Zerstörungen, die der Park in jener Zeit erlebte. Berichte sprechen von Müllablagerungen, gepanzerten Fahrzeugen, Gräbern für Kriegstote: Sie zeigen, wie tief der Ort sozialpolitisch instrumentalisiert wurde.

Bemerkenswert ist auch, dass der ehemalige Bundeskanzler Kurt Schuschnigg (1934 -1936) im Palais Augarten lebte. Ein Symbol für die nationalkonservative Macht und die politische Spannung vor dem Krieg. Heute erzeugen diese Relikte Spannungen zwischen Erinnerungskultur und Freizeitnutzung.

CODE 4

Institutionelle Machtkämpfe

In der Nachkriegszeit entwickelte sich der Augarten zu einem hybriden Kulturraum: Porzellanmanufaktur, Museen, Gastronomie, jüdische Bildungsinstitutionen und der Sitz der Wiener Sängerknaben erzeugten eine pluralisierte, aber keineswegs konflikfreie Nutzung.

Die anhaltenden Auseinandersetzungen über Neubauten, etwa zwischenFilmarchiv und Sängerknaben, zeigen, dass der Park weiterhin ein Terrain struktureller Machtkämpfe bleibt, in dem Öffentlichkeit, Tradition, Kultur und ökonomische Interessen auf einander treffen.

Kulturinstitutionen konkurrieren um Raum, Aufmerksamkeit, Legitimation, während Bürgerinitiativen einen Gegen Code etablieren: Schutz des offenen, nicht kommerzialisierten Raumes.

Der Park wird zum verhandelten Gut zwischen Staat, Kultur und Zivilgesellschaft.

CODE 5

Alltagssoziologie

Die heutigen sozialen Codes des Augartens wie Zugänglichkeit, kulturelle Hierarchien, Nutzungskonflikte, und Symbolpolitik sind lange vor unserer Zeit in die Struktur dieses Ortes eingeschrieben und werden bis heute aktualisiert.

Die Gleichzeitigkeit verschiedener sozialer Gruppen (Studierende, Familien, jüdische Gemeinden, ältere Menschen) erzeugt im Park Zonen der Koexistenz, aber auch subtile Grenzziehungen (institutionelle Territorien, informelle Nutzungspraxen).

INTERVIEW

UMFRAGE

Der Augarten ist kein neutraler Raum. Er ist geprägt von Geschichte, Gestaltung und gesellschaftlichen Ordnungen, die über lange Zeiträume entstanden sind und bis heute wirken. Diese Einflüsse sind nicht immer sichtbar, aber sie strukturieren den Raum und unser Verhalten darin. Öffentliche Räume wie der Augarten sind Orte, an denen Codes bestehen, weitergegeben und immer wieder neu verhandelt werden.

Gleichzeitig bringt jeder Mensch eigene Codes mit. Persönliche Erfahrungen, Gewohnheiten, Erwartungen und soziale Prägungen beeinflussen, wie ein Ort gelesen, genutzt und verstanden wird. Wer sich wo aufhält, wie man sich bewegt, verweilt oder begegnet, entsteht aus diesem Zusammenspiel von individuellen und kollektiven Codes. Der öffentliche Raum ist damit kein festgeschriebenes System, sondern ein dynamisches Gefüge.

Mit Augarten decoded versucht dieses Projekt, diese vielschichtigen Ebenen sichtbar zu machen. Die Auseinandersetzung mit historischen, gestalterischen und sozialen Strukturen zeigt, dass sich Machtverhältnisse und Ordnungsvorstellungen dauerhaft in den Raum einschreiben. Gleichzeitig werden sie durch alltägliche Nutzung, durch Begegnungen und durch Verhalten immer wieder infrage gestellt und neu interpretiert.

Diese fortlaufende Verhandlung macht öffentliche Räume lebendig. Sie führt dazu, dass Menschen aufeinandertreffen, sich beobachten, voneinander lernen und sich aneinander reiben. Differenz wird nicht aufgelöst, sondern sichtbar. Gerade darin liegt die Qualität eines Ortes wie des Augartens.

Das Plakatmotiv greift diese Idee auf. Die leere Fläche steht nicht für Abwesenheit, sondern für Offenheit. Sie lädt dazu ein, eigene Zeichen zu setzen und die eigene Handschrift sichtbar zu machen. Wie bereits in der Fotoserie der Hände wird auch hier das Persönliche zum Ausdrucksmittel. Jede Handschrift ist ein individueller Code. Sie steht für Präsenz, Aneignung und Teilhabe.

Codes sind keine starren Regeln. Sie sind persönliche Noten im gemeinsamen Raum. Orte wie der Augarten entstehen dort, wo diese Handschriften aufeinandertreffen, gelesen und entschlüsselt werden. Im gegenseitigen Wahrnehmen und Interpretieren liegt das Potenzial öffentlicher Räume und genau darin endet dieses Projekt nicht, sondern öffnet sich für neue Lesarten.

AUGARTEN
DECODED

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