Obwohl der Augarten auf den ersten Blick keine klar ablesbaren historischen Schichten zeigt, liegt gerade darin sein besonderes Potenzial: Er ist ein historisch vielschichtiger Ort, in dem sich barocke Gartenarchitektur, nationalsozialistische Eingriffe und heutige Nutzungen überlagern und erst bei genauerer Betrachtung freilegen lassen.
Harald R. Stühlinger ist Architektur–, Städtebau– und Fotohistoriker.
Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf der Baukulturdes 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere an den Schnittstellen von Stadtgeschichte, Medien– und Erinnerungskultur. 1970 in Kapfenberg geboren, studierte er Architektur in Wien und Venedig sowie Kunstgeschichte an der Universität Wien. Nach Lehr– und Forschungstätigkeiten an der ETH Zürich wurde er Professor für Architektur–, Bau– und Städtebaugeschichte an der FHNW Muttenz (Schweiz). Seit Oktober 2023 ist er Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Wien. Stühlinger publiziert Architektur–, Städtebau– und Fotografiegeschichte, ist als freier Ausstellungskurator tätig und ist Gründer des Vereins zur Erforschung der europäischen Stadt sowie des Vereins Baukulturen der Schweiz.
Wenn Sie den Augarten heute durchqueren – als Architekt, als Historiker, als Spaziergänger aber auch als Bürger der Stadt Wien: Welche Gedanken oder Assoziationen kommen Ihnen als erstes?
Dass es ein grüner Ort in der Stadt ist. Eine weitere Assoziation ist, dass dort zwei sehr grosse Bauwerke stehen, die sofort ins Auge fallen.
Sie meinen die Flaktürme, die neben der barocken (Garten-) Architektur zwei sehr markante Konstruktionen bilden. Der Augarten selbst ist heute ein stark frequentierter öffentlicher Raum und sozialer Treffpunkt. Gleichzeitig trägt er zahlreiche historische Spuren in sich. Sind diese Ihrer Meinung nach im Park wahrnehmbar? Und kann die Architektur eines Parks wie dem Augarten als „Spiegel“ seiner Geschichte fungieren?
Die Epochen Barock und NS-Zeit sind auf den ersten Blick gut wahrnehmbar. Aber wie bilden sich die Schichten des 19. und 20. Jahrhunderts und das Heute darin ab? Wenn man jedoch mit einem grösseren Sensorium an diesen Ort herangeht, lassen sich auch Schichten finden, die vordergründig nicht so klar ablesbar sind. Allein das Eingangsportal von Isidore Canevale stammt aus dem späten 18. Jahrhundert und nicht aus der eigentlichen Entstehungszeit.
Ähnliches gilt für Begrenzungszäune oder Mauern, die im 20. Jahrhundert erneuert wurden.
Der Augarten kann sehr viele Geschichten erzählen, auch wenn auf den ersten Blick wenige Schichten in Erscheinung treten. Das macht ihn interessant, weil diese Ebenen mit klugem Befragen und genauen Recherchen freigelegt werden könnten.
Wie von Ihnen bereits erwähnt, hat der Augarten vom barocken Repräsentationsgarten bis heute unterschiedliche politische Epochen durchlaufen. Wie bewerten Sie den Eingriff durch die Flaktürme? War das aus Ihrer Sicht eine bewusste Machtdemonstration in einem barocken Erinnerungsraum? Wieso diese gezielte Positionierung?
Es gibt drei Flakturm-Paare in Wien, deshalb darf man sie nicht isoliert betrachten. Zusammen ergeben sie ein Verteidigungsdreieck für die Innenstadt. Der Augarten wurde der Platzreserven wegen gewählt, da der Standort gut das Dreieck aus Stiftskaserne und Arenbergpark komplettieren konnte.
Der Gefechtsturm ist ja direkt in der Flucht der Praterachse positioniert.
Genau. Die Stiftskaserne steht ebenfalls in einer Sichtachse, nämlich in der Mittelachse des Kaiserforums. Dabei geht es nicht nur um Machtdemonstration. In der Zeit, in der die Flaktürme errichtet wurden, war der Krieg in Zentraleuropa sehr präsent. Deshalb tragen sie nicht nur eine Machtsymbolik, sondern auch eine Symbolik des Schutzes der eigenen Stadt.
Wie würden Sie die Wirkung der Flaktürme im städtischen Raum einschätzen – fungieren sie eher als Mahnmale, als vernachlässigte Überreste oder gelten sie mittlerweile als architektonische Landmarken?
Das liegt im Auge der Betrachterinnen und Betrachter. Wenn man den Ort aufsucht, gibt es – soweit ich mich erinnere – keine Kontextualisierung vor Ort. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass die Flaktürme eine Mahnmalfunktion haben könnten.
Diese Einordnung muss jede Person für sich selbst treffen. Für mich sind die Flaktürme eindeutig Zeichen, die mit Krieg, Totalitarismus und dem NS-Regime verbunden sind.
Die Wahrnehmung hängt also stark vom eigenen Wissen ab. Was wünschen Sie sich als Fachperson für die künftige Auseinandersetzung mit dem Augarten – sei es in Lehre, Denkmalpflege oder öffentlicher Debatte? Sollte es mehr Informations- oder Vermittlungsangebote geben?
Unbedingt – Welche Form diese Vermittlung annimmt, ist dabei zweitrangig. Es gibt viele Möglichkeiten – Informationstafeln, QR-Codes, digitale Medien oder Führungen. Entscheidend ist, worauf sich die Vermittlung bezieht. Wenn es um den gesamten Augarten geht, braucht es viele Orte, viele Stationen und viele Informationen.
Wenn es nur um die Flaktürme geht, muss das anders konzipiert werden. Auf jeden Fall sollten Bauten, wie die Flaktürme kontextualisiert werden. Ich komme gerade von einer Exkursion aus Rom zurück, bei der wir ausschliesslich faschistische Architektur besichtigt haben. Dort gibt es Reliefs, Gemälde und Hoheitszeichen aus der faschistischen Epoche – ohne jede Kontextualisierung. Diese Erfahrung hat mich noch stärker sensibilisiert.
„Auf jeden Fall sollten Bauten, wie die Flaktürme kontextualisiert werden.“
Seit der Nachkriegszeit gab es immer wieder Pläne zur Umnutzung der Flaktürme – vom Datencenter bis zum Museum – und auch der Abriss stand zur Debatte. Wie stehen Sie zu diesen Vorschlägen? Und wie sollte man grundsätzlich mit NS-Architektur im öffentlichen Raum umgehen?
Es gibt insgesamt sechs Flaktürme in Wien, und vermutlich würden maximal zwei davon als Erinnerungsort und Mahnmal für die NS-Zeit für die Stadt ausreichen. Man hat ja versucht, einen zu sprengen, was offenbar nicht funktioniert hat – auch wenn technisch vieles möglich wäre. Dafür wird jedoch kein Geld in die Hand genommen. Natürlich wäre es schöner, wenn der Augarten ohne diese beiden Flaktürme wäre. Ich glaube, dass sich die Wiener Stadtgesellschaft inzwischen mit ihrer Existenz arrangiert hat. Problematisch finde ich allerdings Lösungen, bei denen die Bauwerke kaschiert
werden, wie etwa das Haus des Meeres. Früher war dort noch die Aufschrift von Lawrence Weiner zu lesen, ein ortsspezifisches Kunstwerk. Heute ist der Flakturm verkleidet und durch die vorherrschenden Nutzungen schwer als Relikt der NS-Zeit zu erkennen.
„ … darf der Augarten nicht musealisiert und nicht als unantastbar angesehen werden.“
Der gesamte Augarten steht seit dem Jahr 2000 als barockes Ensemble unter Denkmalschutz. Welche Auswirkungen hat dieser Status konkret – sowohl für den Erhalt als auch für mögliche Weiterentwicklungen?
Wie bei jedem denkmalgeschützten Ensemble sind zeitgenössische Eingriffe grundsätzlich möglich. Dennoch ist es wichtig, den Augarten als barock geprägten Raum in seiner Struktur zu erhalten. Vergleicht man den Zustand der Barockzeit mit dem heutigen, wird deutlich, wie stark sich der Park verändert hat – nicht zuletzt durch stetige Veränderung der Bepflanzungen oder des Wegenetzes. Eine Weiterentwicklung sehe ich vor allem in gartentechnischer Hinsicht, nicht in baulicher.
Viele Gebäude im Augarten wurden im Laufe der Jahrzehnte umgenutzt, etwa das Palais Augarten oder das Ambrosi-Atelier. 2012 kam mit dem MuTh ein moderner Konzertsaal hinzu. Wie stehen Sie zu solchen Interventionen?
Diese baulichen Eingriffe sind räumlich stark konzentriert, und das ist grundsätzlich in Ordnung, sofern sie eine hohe architektonische Qualität aufweisen. Fehlt diese, wird es problematisch.
Wie würden Sie den Umgang mit historischer Substanz im Augarten beschreiben – insbesondere im Hinblick auf heutige Nutzung?
Der Augarten hat sich ohnehin ständig verändert. Die Pflanzen des barocken Gartens existieren in dieser Form nicht mehr. Es gibt einen Grundstock, der erhalten geblieben ist, aber er ist teils stark überformt. Zudem ist der Augarten kein kaiserlicher Garten mehr, sondern ein öffentlicher Park. Genau wie die Wiener Innenstadt, die UNESCO-Welterbe ist und nicht unter eine Käseglocke gestellt werden sollte, darf der Augarten nicht musealisiert und als unantastbar angesehen werden.
Wenn Sie im Augarten etwas verändern könnten – was wäre das?
Mir wäre wichtig, dass es sichere, gut einsehbare Orte gibt und dass unangenehme Situationen vermieden werden. Die Flaktürme würde ich belassen, weil sie Teil der Geschichte dieser Stadt sind. Aber wie bereits erwähnt, sie sind zu kontextualisieren. Ausserdem sollten das städtebauliche Mobiliar, die Zäune und die Infrastruktur gut gepflegt sein. Der Augarten ist ein wichtiger Erholungsraum, besonders für den zweiten Bezirk.
„Ohne Bauten und Städte sähen die Erinnerungskulturen und die Schaffung von Identitäten bedeutend anders aus. “
Würden Sie den Flaktürmen eine Nutzung geben?
Das ist schwierig zu sagen. Ich könnte mir eine Nutzung vorstellen, solange die äussere Erscheinung nicht verändert wird.
Denkbar wäre etwa eine technische Nutzung oder ein Museumsbunker – wichtig ist, dass die äussere Hülle nicht beschönigt oder verändert wird.
Welche Rolle spielt Architektur im Erinnern– insbesondere an Orten, an denen sich Repräsentation und politische Machtausübung räumlich überlagern?
Architektur spielt eine sehr grosse Rolle im Bereich des Erinnerns, und wenn man einen anderen wesentlichen Begriff anstrengen möchte: Identität. Man muss sich nur Münzen anschauen: Darauf sind bedeutende Bauwerke abgebildet – der Stephansdom, die Secession und andere. Architektur stiftet Identität und dient der Selbstvergewisserung einer Gesellschaft.
Man sieht das auch daran, wie Menschen reagieren, wenn ein Gebäude abgerissen werden soll. Das kollektive Erinnern an Orte und Bauwerke ist enorm wichtig. Ohne Bauten und Städte sähen die Erinnerungskulturen und die Schaffung von Identitäten bedeutend anders aus.
Wenn Sie den Augarten mit einem Wort beschreiben müssten – welches wäre das?
Grün.