Wir sind Jovanna, Angelika und Daniel, Studierende der Architektur an der Technischen Universität Wien. Im Rahmen des Moduls Integrales Kommunikationsdesign und Visualisierung hatten wir die Möglichkeit, uns über ein Semester hinweg intensiv mit dem Augarten in Wien auseinanderzusetzen.
Obwohl eine gebürtige Wienerin Teil unseres Teams ist, stellte der Augarten für uns alle lange Zeit einen grauen Fleck auf unserer Stadtkarte dar. Man wusste, dass es ihn gibt, man konnte ihn grob verorten – doch entweder ist man noch nie dort gewesen oder hat ihn nur sehr selten besucht. Die Tatsache, dass der Augarten für uns alle trotz seiner Größe kaum eine Rolle in unserem Alltag spielte, wurde zum Ausgangspunkt unserer weitere Auseinandersetzung.
Neben einer ersten Online-Recherche führten wir bereits früh im Semester eine Umfrage direkt vor Ort durch. Dabei stellte sich für uns die zentrale Frage, warum ein so weitläufiger öffentlicher Raum in unserem eigenen Alltag – und offenbar auch im Bewusstsein vieler anderer – kaum präsent war. Aus unserem anfänglichen Blick von außen heraus lag eine Erklärung nahe: die bis zu vier Meter hohe historische Mauer, die den . Für uns wirkte sie wie eine physische und mentale Barriere, die den Park nach außen hin abschottet und abgrenzt.
Doch bereits bei unserem ersten gemeinsamen Besuch vor Ort und durch die Gespräche mit den Parkbesucher*innen begann sich dieser Blick zu verschieben. Unsere anfänglichen Annahmen wurden hinterfragt, relativiert und erweitert – und unser Bild vom Augarten veränderte sich grundlegend. Genau dieser Wandel der Perspektive bildet einen zentralen Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit.
Die Befragung dient als Grundlage für das Verständnis unterschiedlicher Perspektiven auf den Augarten. Alter, Geschlecht und Wohnortentfernung zeigen, aus welchen Lebensrealitäten heraus die Einschätzungen entstehen.
Trotz des anfänglichen Fokus auf das scheinbare Hindernis der Augartenmauer zeigt sich das Thema bei näherer Betrachtung keineswegs schwarz-weiß. Bereits in Gesprächen mit den Nutzer:innen offenbarten sich zahlreiche Facetten und unterschiedliche Wahrnehmungen. Für viele stellt der Augarten einen geschützten Fleck Erde dar – einen Rückzugsraum, der vor Lärm und Hektik der Stadt bewahrt. Ein Ort fern vom Großstadtgeflüster.Als Naherholungsgebiet mitten im urbanen Gefüge erfüllt er eine wichtige soziale und räumliche Funktion. Die historische Mauer wird dabei nicht als trennendes oder behinderndes Element empfunden, sondern vielmehr als schützende Hülle einer Großstadtoase. Sie scheint sich über die Zeit sowohl in das Stadtgefüge als auch in das kollektive Bewusstsein der Gesellschaft integriert zu haben.
Was bei unserem Besuch jedoch besonders ins Auge fiel, sind jene Mauern, Abgrenzungen und Zäune innerhalb des Augartens, die keinen historischen Ursprung haben. Diese Barrieren sind allgegenwärtig und prägen das Raumerlebnis deutlich. Man stolpert bei einem Rundgang regelrecht über sie. Obwohl der Augarten der Wiener Öffentlichkeit vorbehalten sein sollte, sind überraschend viele Bereiche für einen Großteil der Bevölkerung nicht zugänglich.Für uns stellen diese Abgrenzungen eine klare räumliche und soziale Barriere dar – sichtbare Zeichen einer schleichenden Privatisierung, die selbst vor öffentlichem Gut nicht Halt macht.
VON DEN JAGDGRÜNDEN ZUM NAHERHOLUNGSGEBIET
Der Augarten entstand ursprünglich als Teil der ausgedehnten Donauauen und diente im 17. Jahrhundert vor allem den Habsburgern als privates Jagd- und Lustareal. Kaiser Matthias ließ 1614 ein Jagdschlösschen errichten, das unter Ferdinand III. und insbesondere Leopold I. zu einer repräsentativen Anlage mit Garten ausgebaut wurde. Diese war ausschließlich dem Hof und dem Hochadel vorbehalten. Die frühe Form einer uneingeschränkten Privatisierung. Ein Fleck Erde hat gefallen. Es wurde durch Privileg, Reichtum und Geburtsrecht Anspruch darauf erhoben. Es wurde eine Mauer darum gezogen. Und das nicht, um vor Gefahren zu schützen, sondern um sicherzustellen, dass der elitäre Adel nicht mit dem gemeinen Volk verweilen musste.Die Aristokratie ist Geschichte, die Mauer bleibt.
Nach der Zerstörung durch die Türkenbelagerung 1683 und dem Wiederaufbau im frühen 18. Jahrhundert wurde der Augarten unter Joseph I. und Karl VI. als barocker Garten neu gestaltet. Er blieb jedoch weiterhin ein exklusiver Hofgarten, räumlich und sozial klar vom städtischen Leben getrennt.Einen Wandel markierte erst die Regierungszeit Kaiser Josephs II. Im Geist der Aufklärung öffnete er den Augarten am 30. April 1775 offiziell für die gesamte Bevölkerung. Auch wenn es noch dauerte, bis das Privileg, den Augarten zu betreten, tatsächlich allen Gesellschaftsschichten offenstand.

1654 wurde im Gebiet des heutigen Augartens ein Palais mit Garten errichtet. Im Jahr 1677 erwarb Kaiser Leopold I dieses Anwesen von der Familie Trautson. Kaiser Leopold I ließ das Palais vergrößern und den Garten im holländischen Stil neu gestalten. Da er die Anlage häufig nutzte, erhielt sie die Bezeichnung „Favorita“. Während der Türkenbelagerung Wiens im Jahr 1683 wurde das Gebäude von Streifscharen in Brand gesetzt und der Garten schwer verwüstet. Die Ruine blieb über viele Jahre bestehen, dennoch wurden die Gartenanlagen weiterhin vom Adel genutzt.
1693 ließ der Großhändler und Wiener Ratsherr Zacharias Leeb, auch Löw genannt, auf einem Nachbargrundstück ein Lustgebäude errichten. Aus diesem entwickelte sich später das sogenannte Augartenpalais. Spätestens um 1780 gelangte das Gebäude in den Besitz von Kaiser Joseph II. Er setzte im Augarten entscheidende Akzente, indem er die Anlage durch den Ankauf und die Eingliederung umfangreicher Grundstücke deutlich vergrößerte. Das Palais war ursprünglich Ende des 17. Jahrhunderts als Gartenpalais Leeb errichtet worden und folgte dem Stil von Johann Bernhard Fischer von Erlach.
Um 1705 ließ Kaiser Joseph I. für seine Mutter Eleonore auf den Resten des nordöstlichen Seitenflügels des noch nicht wieder aufgebauten Schlosses einen eingeschossigen Saaltrakt errichten. Dieser Bau ist heute Sitz der Porzellanmanufaktur Augarten. In dieser Zeit entstanden auch mehrere Nebengebäude, darunter eine Zuckerbäckerei, eine Küche, Wohnungen für den Gärtner, den Torhüter und den Bienenmeister, ein Wächterhaus sowie ein großer Hof für die Wagen. 1720 wurde auf den Mauerresten des südwestlichen Flügels der alten Favorita das sogenannte Inspektionsschlössl errichtet.
1775 setzte Joseph II. einen entscheidenden Schritt, indem der Augarten offiziell der Öffentlichkeit gewidmet und ganzjährig zugänglich gemacht wurde. Mit der Eröffnung am 1. Mai 1775 wurde eine bereits zuvor informelle Nutzung durch die Bevölkerung rechtlich festgeschrieben und durch bauliche Verbesserungen sowie gastronomische Angebote ergänzt. Auch wenn ärmeren Bevölkerungsschichten der Zutritt anfangs noch verwehrt blieb, setzte der Kaiser damit ein deutliches Zeichen für die Öffnung und Schaffung öffentlichen Raums und schuf einen frühen öffentlichen Freiraum für die Wiener Bevölkerung.
„ALLEN MENSCHEN GEWIDMETER ERLUSTIGUNGS-ORT VON IHREM SCHAETZER“ - Inschrift am Hauptportal
1781 lies Joseph II. nach Plänen des Architekten Ganneval nördlich des Augartenpalais ein schlichtes privates Wohnhaus errichten, das später als Josephsstöckl bekannt wurde. Umgeben war es von einem landschaftlich gestalteten Garten, der dem Kaiser vorbehalten und bis 1918 nicht öffentlich zugänglich war; Teile davon wurden 2001 rekonstruiert. Das Gebäude, das heute eine Volksschule und einen Kindergarten der Wiener Sängerknaben beherbergt, war einst von Vogelhäusern, Rosenstöcken und einem kleinen Blumengarten umgeben.
Die Wiener Porzellanmanufaktur wurde 1718 gegründet und entwickelte sich zu einer der ältesten Porzellanmanufakturen Europas. Nach einem späteren Standortwechsel wurde der Betrieb 1864 aufgrund zunehmenden Konkurrenzdrucks eingestellt. 1923 wurde die Tradition mit der „Wiener Porzellanmanufaktur Augarten“ als Aktiengesellschaft am Standort im Augarten wieder aufgenommen.
Im Zuge der grünen Reformpolitik der 1920er-Jahre wurde der barocke Augarten gezielt für neue Nutzungen geöffnet. Mit dem Parkschutzgesetz von 1924 wurden öffentliche Grünanlagen wie der Augarten dauerhaft vor Verbauung geschützt. Dieser Schutz bedeutete jedoch keine reine Bewahrung des historischen Zustands, sondern ermöglichte deren Weiterentwicklung für gemeinnützige und öffentliche Nutzungen, die der Verbesserung der Lebensqualität der Bevölkerung dienten, etwa durch Spielwiesen, Freibäder, Sportplätze oder Milchtrinkhallen. Auf Grundlage einer Vereinbarung mit dem Bund entstanden zwischen 1925 und 1928 vier Sportplätze sowie ein Kinderfreibad.
Zwischen 1944 und 1945 wurden im Zuge des Zweiten Weltkriegs auf Anordnung der nationalsozialistischen Führung im Augarten ein Gefechtsturm sowie ein Leitturm errichtet. Diese Bauwerke dienten einerseits als Plattformen für Fliegerabwehrkanonen zur Verteidigung der Stadt gegen alliierte Luftangriffe und andererseits als Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung.
1948 bezogen die Wiener Sängerknaben das Palais Augarten auf Initiative der Stadt Wien, nachdem ihr früheres Quartier im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Das Palais und seine Umgebung wurde ihnen exklusiv als neuer Sitz und Ausbildungsort zur Verfügung gestellt.
Das Atelier Augarten wurde 1953 von der Republik Österreich für den Bildhauer Gustinus Ambrosi errichtet. Hintergrund war eine Vereinbarung, dem prominenten Künstler geeignete Arbeits- und Ausstellungsräume zur Verfügung zu stellen und zugleich sein umfangreiches Werk langfristig für die Öffentlichkeit zu sichern. Nach dem Suizid Ambrosis im Jahr 1975 wurde das Atelier 1978 als Ambrosi-Museum eröffnet. 2012 bis 2017 nutze die Stiftung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary das Areal. Anschließend wurde es nur noch anlassbezogen bespielt. Ab voraussichtlich 2027 ist eine Nutzung als Zentrum für Kunst, Kultur und Wissenschaft geplant.
Spätestens ab 1971 kam es bei der Porzellanmanufaktur zu ersten Zubauten. In den Jahren 1981 bis 1986 folgten zahlreiche kleinere bauliche Ergänzungen. Den stärksten Eingriff stellte ein zwischen 1986 und 1992 errichteter massiver Baukörper dar: Ein langer, zweigeschoßiger Zusatzbau wurde hinter dem barocken Gartensaaltrakt angefügt. Dieser wird heute als Kindergarten genutzt, da er von der Porzellanmanufaktur später nicht mehr benötigt wurde.
Das Pensionistenheim Haus Augarten wurde Mitte der 1970er-Jahre im 2. Bezirk nach Entwürfen von Karl Schwanzer errichtet und 1975 eröffnet. Der Bau ist Teil eines umfangreicheren kommunalen Programms zum Ausbau von Einrichtungen für ältere Menschen.
Das Filmarchiv Austria übersiedelte 1997 mit seinem zentralen Standort in den Augartenspitz. Die räumlichen Vorraussetzungen des Standort ermöglichte die Sicherung und Nutzung der Film- und Bildbestände sowie die Zusammenführung der archivbezogenen Funktionen an einem Ort. Seit 1998 findet im Garten des Filmarchiv Austria das Sommerfilmfestival „Kino wie noch nie“ statt.
Der Lauder Chabad Campus wurde 1999 im 2. Bezirk eröffnet und 2008 nach Plänen von Adolf Krischanitz erweitert. Der Standort in der Leopoldstadt ist historisch bedeutsam, da der Bezirk vor 1938 eines der Zentren jüdischen Lebens in Wien war. Er wurde im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau und der Stärkung jüdischen Lebens in Wien seit den 1990er-Jahren errichtet. Die Ronald S. Lauder Foundation initiierte das Projekt, wurde jedoch von der Stadt Wien sowohl politisch als auch finanziell unterstützt.
Der heutige Konzertsaal MuTh der Wiener Sängerknaben wurde in den 2000er-Jahren geplant und 2012 eröffnet. Ursprünglich sollte das Gebäude „Konzertkristall“ heißen, da die moderne Architektur an einen geschliffenen Kristall erinnern sollte. Während der Planungsphase kam es zu Protesten und Besetzungen des Bauplatzes. Trotz umfangreicher Kritik wurde das Projekt umgesetzt.
Öffentlicher Raum ist ein für uns selbstverständlicher, aber oft wenig hinterfragter Bestandteil des städtischen Alltags. Straßen, Plätze, Parks und Grünflächen sind Orte, die wir täglich nutzen – zum Durchqueren, Verweilen, Begegnen oder Erholen. Gerade in einer bevölkerungsreichen Großstadt wie Wien spielen diese Räume eine zentrale Rolle.
Mit zunehmender Verdichtung der Stadt wird öffentlicher Raum jedoch immer stärker beansprucht. Wohnbau, Verkehr und auch wirtschaftliche Interessen konkurrieren um begrenzte Flächen. Besonders deutlich wird dieser Druck bei öffentlichen Grün- und Freiräumen. Sie sind nicht nur selten und schwer ersetzbar, sondern erfüllen auch wichtige Funktionen für das tägliche Leben in der Stadt. Parks und Grünanlagen bieten wohnungsnahe Erholungsmöglichkeiten, Orte der Ruhe und Bewegung sowie Rückzugsräume von der urbanen Hektik. Laut einer Befragung der Universität Wien verfügen rund 27 % der Wiener Bevölkerung über keine privaten Freiflächen. Diese Zahl macht deutlich, wie essenziell öffentlicher Raum, insbesondere öffentlicher Grünraum,
für das tägliche Leben in einer Stadt wie Wien ist. In einer dicht bebauten Großstadt ist es einfach unrealistisch, dass allen Menschen ein privater Garten oder eine eigene Freifläche zur Verfügung steht.Umso wichtiger werden gemeinschaftlich nutzbare Grünräume. Sie übernehmen Funktionen, die im privaten Raum fehlen. Sie sind unsere gemeinsame Liegewiese, unser gemeinsamer Fußballplatz, unser gemeinsamer sozialer Treffpunkt.Gleichzeitig tragen sie zur Verbesserung des Stadtklimas bei und wirken sich positiv auf die körperliche und psychische Gesundheit der Stadtbevölkerung aus.Trotz seiner Bedeutung ist öffentlicher Raum nicht automatisch gesichert. Auch in Wien kann man beobachten, wie die öffentlich zugängliche Flächen schrittweise verändert, eingeschränkt oder umgenutzt werden. Ein stetiger Prozess der Privatisierung von öffentlichem Raum. Dabei geht es nicht nur um den Verkauf und die Umwidmung von Flächen, sondern auch um weniger offensichtliche Veränderungen. Zum Beispiel eine steigende kommerzielle Nutzung, eine zeitliche Zugangsbeschränkungen oder auch temporäre bauliche Eingriffe, die beeinflussen, wer sich wo und wie lange aufhalten kann.
Diese Prozesse sind schleichend und oft schwer eindeutig zu bewerten. Natürlich bringen neue Nutzungen und Angebote auch das Potenzial, Räume zu beleben und die Qualität eines Ortes zu steigern. Auf einem schmalen Grat dazu steht jedoch das Risiko, seine Stadt schrittweise an den Kommerz zu verlieren. Gerade Grünanlagen und zentrale Erholungsräume geraten dabei immer wieder in den Fokus.
Ob Donaukanal, TrIIIple Towers oder Lobautunnel, Konflikte um öffentlichen Raum treten in Wien in unterschiedlichen Maßstäben und Formen auf und sind dauerhaft präsent. Gemeinsam ist diesen Situationen, dass sie meist schleichend entstehen und erst dann sichtbar werden, wenn konkrete Veränderungen bereits geplant oder umgesetzt sind.Der Trend ist dabei klar. Öffentliche Flächen sind nicht automatisch geschützt. Sobald die öffentliche Aufmerksamkeit einmal nachlässt gibt es immer Privatpersonen, Unternehmen und Lobbys die versuchen sich den Raum eigennützig anzueignen. Diese Prozesse werden leicht übersehen. Sie verlaufen oft schleichend und werden deshalb nicht als unmittelbarer Verlust wahrgenommen.Problematisch ist vor allem die Endgültigkeit.Gelangen Flächen einmal in private Hand stehen sie der Allgemeinheit in den meisten Fällen nicht mehr zur Verfügung. Und Öffentlicher Raum, der einmal verloren gegangen ist, wird nur selten wieder öffentlich nutzbar.
Und dafür gibt es zahlreiche Belege. Der Donaukanal ist dafür ein gutes Beispiel. An warmen Tagen und in Sommernächten wird er zum sozialen Treffpunkt einer ganzen Stadt. Menschen sitzen am Wasser, treffen Freund*innen, verbringen dort ihre Abende. Genau dieses umfangreiche Publikum machen den Ort attraktiv für kommerzielle Nutzungen. Gastronomie, Events und temporäre Installationen versuchen immer wieder, sich Teile dieses Raums anzueignen.
Gerade weil der Donaukanal so intensiv genutzt wird, wurde früh erkannt, dass dieser Raum nicht sich selbst oder kurzfristigen Einzelinteressen überlassen werden kann. Die „Entwicklungs- und Gestaltungsleitlinien für den Wiener Donaukanal“, kurz die Donaukanal-Partitur, welche zwischen 2012 und 2014 erarbeitet wurde, hat bewusst versucht, einem schleichenden Verlust öffentlichen Raums entgegenzuwirken. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass der Donaukanal zwar rechtlich öffentlich ist, seine Nutzung aber zunehmend durch einzelne Akteur*innen geprägt wird, primär durch kommerzielle Angebote entlang des Ufers.Ein wesentliches Anliegen der Partitur ist es, festzuhalten, wo kommerzielle Nutzungen zulässig sind – und wo bewusst nicht. Gastronomie und Veranstaltungen sollen nicht den gesamten Raum dominieren, sondern klar begrenzt bleiben, um ausreichend Platz für informelle Nutzung, Aufenthalt und spontane Aneignung zu sichern. Damit wird der Donaukanal nicht als Event- oder Konsumraum gedacht, sondern als alltäglicher Freiraum, der ohne Eintritt, ohne Konsumzwang und ohne zeitliche Einschränkungen funktioniert.
Und zwar im Rahmen der Konflikte rund um die Bebaung des Augartenspitz.




Der geplante Bau des Konzertsaals MuTh für die Wiener Sängerknaben im Augarten löste über mehrere Jahre hinweg heftige Proteste aus. Besonders kritisch wurde aufgenommen, dass für das Projekt ein Teil der denkmalgeschützten Augartenmauer hätte abgetragen werden sollen. Viele Anrainer:innen und Initiativen sahen darin einen schwerwiegenden Eingriff in die historische Substanz und wehrten sich gegen die bauliche Setzung im Park.
Eine zentrale Rolle spielte dabei das Josephinische Belustigungskomitee, das den Protest bewusst spielerisch und künstlerisch inszenierte. Unter maßgeblicher Beteiligung der Künstlerin Raja Schwahn-Reichmann wurden Feste, Umzüge und Interventionen in barocken Kostümen organisiert. Begleitend entstanden zahlreiche Flyer und Plakate in einem barock anmutenden, ornamental überzeichneten Stil, die den Konflikt visuell im Stadtraum verankerten.
Diese Form des Widerstands trug dazu bei, den öffentlichen Druck aufrechtzuerhalten und Einfluss auf die Umsetzung des Projekts zu nehmen. Der Konzertsaal wurde schließlich in einer dezentere Form realisiert, die bestehende Strukturen stärker berücksichtigte, während die denkmalgeschützte Mauer erhalten blieb. Der Konflikt um den MuTh-Bau zeigt exemplarisch, wie künstlerischer Protest und kollektives Engagement städtebauliche Entscheidungen mitprägen können
Im Zuge des Protests entstand eine Online-Petition gegen den Bau des Konzertsaal MUTH, die von vielen Menschen aus der Öffentlichkeit unterzeichnet wurde. Darin wurden zentrale Kritikpunkte am Projekt geäußert.
Neben zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern äußerten sich auch prominente Persönlichkeiten öffentlich kritisch zu dem Projekt und unterstützten die Einwände gegen den Bau des Konzertsaal MUTH. Durch ihre Stellungnahmen erhielt das Thema zusätzliche mediale Aufmerksamkeit.
Der Leitbildprozess Augarten (2007–2008) wurde als breit angelegtes, partizipatives Planungsverfahren unter Federführung der Magistratsabteilung 21A gemeinsam mit der Burghauptmannschaft Österreich und den Österreichischen Bundesgärten durchgeführt. Ziel war die Entwicklung eines strategischen Zukunftskonzepts für den Augarten, um Nutzungskonflikte zwischen Denkmalschutz, Erholung, Kultur und neuen Anforderungen zu klären sowie Perspektiven für Öffnung, Durchwegung und Revitalisierung aufzuzeigen. Der Prozess umfasste aktivierende Befragungen, Workshops, Arbeitsgruppen, öffentliche Veranstaltungen und wurde zudem als Gender-Mainstreaming-Leitprojekt geführt.Die Ergebnisse zeigten eine grundsätzlich hohe Zufriedenheit der Parknutzer*innen, verbunden mit klaren Wünschen nach besserer Zugänglichkeit, verbesserter Durchwegung und dem Erhalt des Erholungscharakters. Das Leitbild sollte als Grundlage für spätere Masterpläne dienen und damit langfristige Entscheidungen vorbereiten. Noch während des laufenden Prozesses entschied jedoch das Wirtschaftsministerium über den Bau des Konzertsaals für die Wiener Sängerknaben am Augartenspitz. Damit wurde eine zentrale und konfliktträchtige Zukunftsentscheidung außerhalb des Beteiligungsverfahrens vorweggenommen.In der Folge verstärkte sich der Eindruck, dass Bürgerbeteiligung zwar formal stattfand, ihre Auswirkungen jedoch begrenzt blieben. Kritische Beiträge wurden zwar aufgenommen, hatten aber kaum erkennbare Konsequenzen. Besonders deutlich wurde diese Vertrauenskrise bei der Informationsveranstaltung am 10. Februar 2009, bei der Diskussionen stark eingeschränkt und Beteiligungsmöglichkeiten ausdrücklich relativiert wurden. Zusätzlich trugen ein als abwertend empfundener Umgang mit engagierten Bürgerinnen sowie die wechselseitige Verantwortungsverschiebung zwischen Stadt Wien und Bund zu einem Verlust an Vertrauen bei. Insgesamt zeigte der Leitbildprozess die Grenzen partizipativer Verfahren auf, wenn zentrale politische Entscheidungen außerhalb des Beteiligungsrahmens getroffen werden.
Eva Hottenroth lebte als Anrainerin im Augarten, als die Planungen für den Bau des Konzertsaals MuTh bekannt wurden, und wurde zu einer zentralen Figur des Protests. Über Jahre engagierte sie sich öffentlich gegen das Projekt und erzielte trotz der Realisierung des Konzertsaals konkrete Erfolge: Die denkmalgeschützte Augartenmauer blieb erhalten und der Bau wurde in kleinerem Umfang als ursprünglich geplant umgesetzt. Der Konflikt bedeutete auch einen persönlichen Einschnitt und führte schließlich zu ihrem Auszug aus dem Augarten. Heute ist Eva Hottenroth als Stadträtin der SPÖ in Scheibbs politisch aktiv.
Doris Kittler engagierte sich als aktive Unterstützerin des Widerstands gegen den Bau des Konzertsaals MuTh im Augarten und begleitete den Protest über mehrere Jahre filmisch. Als Anrainerin und Beteiligte der Bürgerinitiative dokumentierte sie Demonstrationen, Aktionen und Diskussionen rund um das Projekt aus nächster Nähe. Aus diesem Material entstand die Dokumentation Auf den Barockaden, die den langjährigen Protest und seine vielfältigen Ausdrucksformen festhält. Mit ihrer Arbeit machte sie den Konflikt um den Augarten öffentlich sichtbar und trug wesentlich zur medialen Wahrnehmung des Widerstands bei.
EVA: Ich bin mit dem Thema in Kontakt gekommen, weil ich direkt neben dem Augartenspitz gewohnt habe. Wir haben erfahren, dass dort gebaut werden soll, und haben daraufhin den bereits bestehenden Verein „Freund:innen des Augartens“ übernommen. Die damalige Vereinsleitung wollte nicht mehr weitermachen, und Daniela Kraus und ich haben die Obfrauenrollen übernommen. Von Beginn an haben wir Aktionen gesetzt, um auf die geplante Bebauung aufmerksam zu machen und Widerstand zu organisieren. DORIS: Ich bin über mein Interesse an Stadtentwicklung, öffentlichem Raum sowie Natur- und Denkmalschutz dazugekommen. Mich hat das Thema so interessiert, dass ich begonnen habe, die Proteste filmisch zu begleiten.
Eva und ich haben uns tatsächlich erst durch den Augartenspitz kennengelernt. Viele der Beteiligten haben in der Nähe gewohnt, was den Austausch und das Engagement zusätzlich verstärkt hat.
DORIS: Der Augartenspitz war dabei ein exemplarischer Fall, der weit über diesen einen Ort hinausweist. Der Protest richtete sich nicht nur gegen ein einzelnes Bauprojekt, sondern gegen ein grundsätzliches Muster: dass öffentliche Räume durch politische Entscheidungen und private Finanzierung schrittweise privatisiert oder eingeschränkt werden.
Uns war klar, dass der Augarten ein besonders symbolischer Ort ist, an dem sich diese Konflikte verdichten. Deshalb haben wir ihn auch als Beispiel verstanden – nicht nur für Wien, sondern für viele ähnliche Entwicklungen anderswo.EVA: Ausgangspunkt war die geplante Bebauung eines unmittelbar an den Augarten angrenzenden Grünraums. Für mich als Anrainerin standen dabei drei zentrale Anliegen im Vordergrund: erstens der Schutz einer außergewöhnlich artenreichen, wilden Natur mitten in der Stadt, zweitens der Denkmalschutz des historischen Ensembles des Augartens, und drittens die Sicherung der Lebensqualität, da wir nach jahrelangem U-Bahn-Bau keine weitere Großbaustelle vor der Haustür akzeptieren wollten. Zusätzlich war es für mich problematisch, dass finanzstarke Einzelinteressen versuchten, sich öffentlichen Raum anzueignen. Auch wenn das Projekt letztlich umgesetzt wurde, konnten wir durch den Protest zumindest denkmalgeschützte Elemente wie die Augartenmauer und das Pförtnerhäuschen erhalten.
EVA: Ja, sehr stark. Neben dem Augarten gab es mehrere problematische Projekte, etwa die geplante Nutzung eines Flakturms als Datencenter, gegen die wir uns massiv ausgesprochen haben. Auch andere Vorhaben wie ein Pensionistenheim oder weitere Nutzungsansprüche haben eine Rolle gespielt. Die jüdische Schule war dabei ein Sonderfall aufgrund der Restitutions- und Shoah-Geschichte, den ich persönlich anders bewertet habe.
DORIS: Ja, diese Beispiele waren präsent und Teil der Diskussionen, weil sie gezeigt haben, dass der Augarten immer wieder für neue Nutzungen in Anspruch genommen werden sollte.
EVA: Ja, insbesondere das geplante Datencenter. Eine industrielle Nutzung mitten in einem Erholungsgebiet war für uns ein sehr klares Negativbeispiel und hat unsere Argumentation gegen weitere Eingriffe gestärkt. DORIS: Das Datencenter war eines der am intensivsten diskutierten Projekte und hat viele unserer Bedenken gebündelt
EVA: Ein großes Problem war die politische Vernetzung der Wiener Sängerknaben. Es wurde offen kommuniziert, dass es bereits politische Zusagen auf hoher Ebene gegeben hatte. Dadurch wurde klar, dass Entscheidungen oft schon im Vorfeld gefallen waren und Bürgerbeteiligung nur eine sehr begrenzte Wirkung hatte. DORIS: Diese Vorgänge wurden als normal dargestellt, obwohl sie einer Form von politischer Einflussnahme oder Korruption ähnelten. Entscheidungen wurden häufig sehr schnell umgesetzt, um Proteste zu vermeiden, was Widerstand zusätzlich erschwert hat.
EVA: Unterstützung kam vor allem von den Grünen, was uns auch vorgeworfen wurde. Von der SPÖ habe ich mir wenig erwartet, da sie aus unserer Sicht stark auf Verbauung gesetzt hat. Positiv war die Unterstützung aus den Bundesgärten durch einzelne Verantwortliche, die den Schutz der Bäume ernst genommen haben. Später hat diese Unterstützung jedoch deutlich nachgelassen. DORIS: Die ÖVP hat sich größtenteils zurückgehalten, die FPÖ war offen ablehnend. Insgesamt war der politische Rückhalt sehr begrenzt, insbesondere auf Stadtregierungsebene.
DORIS: Ein zentraler Grund ist, dass über Jahrzehnte bestimmte Lebensmodelle tief verankert wurden – etwa die Vorstellung, dass das Auto Freiheit bedeutet oder dass individuelles Bauen selbstverständlich ist. Diese Denkweisen sitzen sehr tief und machen Veränderung schwierig. Dazu kommt, dass viele Menschen durch ihren Alltag stark ausgelastet sind und schlicht keine Kraft mehr für Protest oder Engagement haben. Selbst wenn sie Probleme erkennen, fehlt oft die Energie, aktiv zu werden. Insgesamt ist die Bereitschaft, grundlegende Lebensgewohnheiten infrage zu stellen, nur bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung vorhanden. EVA: Viele Menschen werden erst dann aktiv, wenn sie Probleme unmittelbar selbst spüren – und oft nicht einmal dann. Unser Bildungssystem fördert zudem 49kaum Selbstwirksamkeit oder politisches Mitgestalten, sondern eher Anpassung. Gleichzeitig leben viele noch relativ bequem und gut abgesichert, was zu Gleichgültigkeit führt: Solange Grundbedürfnisse erfüllt sind, wird gesellschaftliches Engagement als nicht notwendig empfunden. Viele Menschen bleiben apolitisch und beschränken ihren Blick auf das eigene private Umfeld.
EVA: Das Engagement hat mich sehr geprägt. Ich habe gemerkt, dass mir politische Arbeit liegt und mir Medien- und Öffentlichkeitsarbeit Freude macht. Die Erfahrungen, das Gelernte und die Begegnungen mit anderen Engagierten waren eine große persönliche Bereicherung. Diese Zeit hat mein weiteres Engagement nachhaltig beeinflusst und mir gezeigt, dass politisches Handeln konkret etwas bewirken kann, was mich bis heute motiviert, mich gesellschaftlich einzubringen. DORIS: Für mich war rückblickend besonders wichtig zu erkennen, wie solche politischen Prozesse funktionieren und wie schnell sie in Vergessenheit geraten. Das Engagement hat meine Perspektive geschärft und mein Denken verändert, auch wenn ich heute weniger aktiv eingreife. Ich habe gelernt, Entwicklungen kritischer zu analysieren und zu verstehen, welche Mechanismen hinter politischen Entscheidungen stehen. Diese Erfahrung wirkt bis heute nach, auch wenn mein Engagement inzwischen eher reflektierend und vermittelnd ist als direkt aktivistisch.
DORIS: Der Umgang war für mich schwieriger, weil das Ergebnis bis heute sichtbar ist und mich im Alltag immer wieder konfrontiert. Mit der Zeit hat sich der Schmerz verändert, aber er ist nicht verschwunden. Gleichzeitig sehe ich heute klarer, dass wir mehr getan haben, als man realistischerweise erwarten konnte. Ich bereue unser Engagement nicht. Rückblickend halte ich es für falsch, Entscheidungen im Nachhinein zu verurteilen, weil man in dem Moment immer das tut, was einem notwendig erscheint. Was geblieben ist, ist eine veränderte Perspektive: Ich verstehe politische Prozesse heute besser und kann sie analytischer betrachten. Mein Engagement ist heute weniger direkt aktivistisch, aber die Erfahrung wirkt weiterhin nach.
EVA: Ich bereue nichts. Ich habe das Gefühl, damals das Richtige gemacht zu haben. Der Umgang mit dem Ergebnis war vor allem ein Prozess der Verarbeitung – etwa durch Gespräche, durch die Mitarbeit am Film und auch durch persönliche Reflexion. Trotz der Niederlage bin ich gestärkt daraus hervorgegangen. Für mich war wichtig, Niederlagen anzuerkennen, daraus zu lernen und trotzdem weiterzumachen. Das Engagement hat mir ein großes Netzwerk, viele Kompetenzen und Selbstvertrauen gegeben. Auch wenn das Ergebnis frustrierend war, war der Einsatz sinnvoll und persönlich bereichernd. Rückblickend würde ich nichts anders machen.Wie mein Papa gesagt hat:
Sobald die Stadt öffentlichen Raum verliert, verlieren wir alle. Öffentlicher Raum ist kein Luxus, sondern Grundlage für Zusammenleben, Erholung und soziale Gerechtigkeit. Deshalb müssen wir um jeden Quadratmeter kämpfen und standhaft bleiben. Kein Wiesenstück ist zu klein, kein Baum zu unbedeutend. Was heute nebensächlich wirkt, fehlt morgen unwiederbringlich.Gleichzeitig braucht es unsere gemeinsame Energie, um bereits verlorene Flächen zurückzugewinnen. Stillstand bedeutet hier immer Rückschritt. Öffentlicher Raum muss aktiv verteidigt, gepflegt und neu gedacht werden – nicht nur in Worten, sondern in konkreten Entscheidungen und konsequentem Handeln.Der Augarten macht diese unterschiedlichen Standards sichtbar. Ein eigentlich öffentlicher Raum, der über Jahre hinweg Bissen für Bissen, Stück für Stück weggefressen wurde. Was bleibt, ist ein öffentlicher Raum, durchzogen von Zäunen, Einschränkungen und Ausnahmen.
Einzelne Privilegierte bewegen sich außerhalb der allgemein gültigen Regeln, während der Großteil der Stadtbevölkerung mit dem verbleibenden Rest auskommen muss.
Öffentlicher Raum funktioniert nur, wenn er allen gehört und wenn wir bereit sind, ihn gemeinsam zu verteidigen.