Interview mit Michael Klein über Chronopolitik im Kontext des Augartens.

Michael Klein beschäftigt sich als Stadtforscher mit der Frage, wie Zeit unsere Wahrnehmung von Stadt prägt und wie sich zeitliche Regime in alltägliche Räume einschreiben. Auf ihn aufmerksam wurden wir durch seine Vorträge zu Zeit und Chronopolitik im urbanen Raum beim urbanize! Festival, in denen er scheinbar selbstverständliche Aspekte des Städtischen neu lesbar macht. Am Mittwoch, den 10.12.2025, trafen wir ihn in seinem Büro an der TU Wien, um mit ihm über den Augarten zu sprechen: einen Ort, an dem Zeit auf besondere Weise spürbar wird. Warum fühlt sich der Augarten entschleunigt an, obwohl Zeit überall präsent ist? Welche Rolle spielen Öffnungs- und Schließzeiten für die Atmosphäre eines öffentlichen Raums? Und kann es in einer durchgetakteten Stadt überhaupt noch Orte geben, an denen Zeit zumindest temporär ausgesetzt scheint? Im Gespräch liefert Michael Klein eine theoretische Perspektive, die hilft, unsere Forschungsfrage zu schärfen.
Wie sind Sie zum Thema Chronopolitik gekommen, was interessiert Sie daran und wie definieren Sie Chronopolitik aus Ihrer Perspektive?



Meine Motivation kommt aus einer langen Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnen. Mich hat dabei vor allem das Verhältnis zwischen der politisch-administrativen Ebene und dem Alltagsleben interessiert und wie Planung und Architektur genau in diesem Verhältnis verortet sind. Architektur und Planung haben sehr viel mit der Imagination zu tun, wie ein späteres Alltagsleben aussehen könnte, aber oft sehr wenig mit dem tatsächlich gelebten Alltag, mit der gelebten Stadt. Diese Spannung ist mir auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder begegnet. Meine Auseinandersetzung mit dem Wohnen ist stark wohnbaugeschichtlich geprägt, vor allem im Bereich des sozialen Wohnungsbaus, mit seinen Konfliktlinien im 19. und 20. Jahrhundert, aber natürlich auch in der Gegenwart. Gerade in der Beschäftigung mit dem Roten Wien bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass es einerseits um die Strukturierung des Alltagslebens geht, andererseits aber auch um eine Ebene politischer Imagination, die mit jedem „Regime des Wohnens“ einhergeht. Gleichzeitig geht Wohnbau immer mit einer Umstrukturierung des Alltags einher, etwa in der Organisation von Haushaltsarbeit, Kochen, Waschen oder Kindererziehung. Schon in den 1920er-Jahren war die Rationalisierung des Haushalts ein zentrales Thema, auch mit dem Ziel, Zeit zu sparen. Über diese Auseinandersetzungen bin ich schließlich zur Zeitthematik gekommen. Zeit ist in der Stadt- und Raumtheorie oft unterrepräsentiert, obwohl sie für den Alltag zentral ist, nicht zuletzt, weil Menschen sehr unterschiedlich über ihre 24 Stunden verfügen können. Diese Perspektive habe ich zunächst über das Wohnen entwickelt und dann auf andere Aspekte des städtischen Alltags ausgeweitet.
Sie haben ihr Wissen über Chronopolitik stark über das Wohnen entwickelt. Wenn ich es richtig verstanden habe, definieren Sie Chronopolitik als ein Mittel, ein besseres Morgen zu schaffen. Wie lässt sich dieses Verständnis auf den städtischen Raum und öffentliche Freiräume übertragen?



Dass Chronopolitik ein besseres Morgen bezeichnet, glaube ich nicht unbedingt. Das hat mit meinem Verständnis von Politik zu tun. Politik ist für mich nicht primär eine Steuerungs- oder Lenkungsaufgabe. Dieses Leiten und Regulieren des Alltags würde ich eher als Gouvernementalität bezeichnen, also als eine Form administrativer Ordnung des guten Lebenspolitik im engeren Sinn tritt für mich dort auf, wo es zu Auseinandersetzungen kommt, zu Konflikten, Interessensgegensätzen und Unterscheidungen. Dieser konflikthafte Begriff von Politik ist produktiver, weil sonst oft unklar bleibt, wer eigentlich Politik macht. Politik betrifft uns alle, während Steuerungs- und Verwaltungsverhältnisse häufig von einzelnen Akteuren oder Institutionen geprägt sind. Dieser Konflikt ist auch im Wohnen eingeschrieben. Es geht etwa um die Frage, ob alle Menschen über ihre 24 Stunden in ähnlicher Weise verfügen können. Dieser Konflikt ist nicht immer ausgesprochen, aber er ist präsent und beschränkt sich nicht auf das Wohnen, sondern betrifft auch den öffentlichen Raum. Ein einfaches Beispiel sind Ampelschaltungen. Es gibt Situationen, in denen es sehr jungen oder sehr alten Stadtbewohner*innen verunmöglicht wird, eine Straße in der vorgegebenen Zeit zu überqueren. Auch das sind zeitpolitische Fragen.
Eine weitere Motivation, sich mit Zeit auseinanderzusetzen, entsteht oft ganz konkret im Alltag. Wenn man ein Kind bekommt, verändert sich das Verhältnis zur Zeit grundlegend. Die 24 Stunden bleiben dieselben, sind aber plötzlich ganz anders verfügbar. Das ist weniger theoriegeleitet als erfahrungsbasiert, findet sich aber auch im öffentlichen Raum wieder und wird dort konflikthaft sichtbar.
Im Augarten etwa ist dieser Konflikt besonders während der Pandemie deutlich geworden. In dieser Zeit ging es um Betreuungszeiten, Versorgungssituationen, Homeoffice und Mehrfachbelastungen. Konstellationen, die viele Menschen auch jenseits der Pandemie betreffen, etwa durch die Verbindung von Lohnarbeit, Care-Arbeit und Pflege.
Gleichzeitig braucht es den öffentlichen Raum als Ausgleichsraum, insbesondere dann, wenn Menschen auf engem Raum leben. Grünräume wie der Augarten übernehmen dabei eine zentrale Funktion. Anders als die Donauinsel ist der Augarten jedoch kein durchgehend offener Freiraum, sondern stark reguliert.
Während der Pandemie war der Augarten, ebenso wie der Schlossgarten Schönbrunn, länger gesperrt als andere öffentliche Räume. Das ist interessant, weil sich daran unterschiedliche politische und administrative Logiken ablesen lassen. Der Dichtedruck in innerstädtischen Gebieten wird auf bundespolitischer Ebene oft weniger deutlich wahrgenommen.
Gerade rund um den Augarten oder Schönbrunn leben viele Menschen auf engem Raum. Dort einen wichtigen Erholungsraum zu sperren, ist eine massive Intervention. An solchen Orten wird besonders sichtbar, wie zeitliche und räumliche Regulierung in den Alltag eingreift.
Insgesamt zeigen sich im öffentlichen Raum viele zeitpolitische Fragen. Wie lange ist er geöffnet? Welche Angebote gibt es? Und zu welchen Zeiten sind sie zugänglich?
In Ihrem Artikel „Die Zeit und die Stadt“  beschreiben Sie die Stadt als polyrhythmischen Raum, in dem sich unterschiedliche Lebens- und Arbeitsrhythmen überlagern. Gleichzeitig sprechen Sie von einer zunehmenden Homogenisierung dieser Rhythmen, insbesondere entlang des Arbeitsalltags.Wie lässt sich das auf den Augarten übertragen? Schränken die Schließzeiten individuelle Zeitrhythmen und Nutzungen des Parks ein?



Diese Homogenisierungstendenzen lassen sich nicht unbedingt auf einzelne Räume beschränken, obwohl man sie dort manchmal ablesen kann. Ich meine eher, dass es eine Tendenz gibt, innerhalb der Ausweitungslogiken des Kapitals immer neue Bereiche zu erfassen. So wie das Wohnen im 19. Jahrhundert zunächst kaum von ökonomischen Logiken geprägt war und dann mit freien Mietverhältnissen stärker kapitalisiert wurde, scheint heute selbst der Schlaf erfasst zu werden. Schlaf wird beispielsweise kommunifiziert. Daten über Ruhephasen oder Schlafdauer werden erfasst und können für Unternehmen relevant sein. Gleichzeitig hat Schlaf nicht mehr nur uns selbst zu dienen, sondern soll erholen und leistungsfähig machen. Ähnlich zeigt sich das in Bereichen, die ursprünglich als Auszeit vom Alltag gedacht waren, wie Yoga, Wellness, Retreats, die heute direkt in Effizienz- und Konsumlogiken eingebettet werden. Sie müssen „etwas bringen“, sonst entstehen Probleme.
Diese Ausweitung des Kapitals erfolgt sehr unterschiedlich, mal am Arbeitsleben orientiert, mal am Konsum. Ob die Öffnungszeiten eines Parks wie der Augarten direkt damit verbunden sind, ist weniger klar, da hier wenige Konsumzwänge bestehen. Einfluss haben könnte eher die Anpassung an Arbeitszeiten, historische Unterschiede in Öffnungszeiten, oder spezielle Angebote wie das Sommerkino, die zeitlich begrenzte Öffnungen nötig machen.
Gleichzeitig spielen auch Sicherheitsüberlegungen eine Rolle. Der Augarten ist kein stark kriminalisierter Ort, aber herrschaftlich geprägte Räume hatten historisch Schließzeiten, die heute noch nachwirken. Vergleichbare Regelungen gab es auch in anderen Städten wie Paris. Insgesamt zeigen sich hier also sowohl kapitalistische, zeitliche als auch historische und administrative Logiken.
Wir fragen uns, ob die Öffnungszeiten bestimmte soziale Gruppen ausschließen, etwa Menschen mit abweichenden Arbeitszeiten oder unterschiedlichen Nutzungsbedürfnissen. Wie siehst du das?



Der Park erfüllt ja sehr unterschiedliche Funktionen, wie Spazierengehen, Spielen, Sportstätten oder das Laufen. Gerade für Läufer*innen zeigt sich, dass unterschiedliche Zeiten unterschiedliche Nutzungen ermöglichen. Es gibt zum Beispiel eine ältere Studie, die das Laufverhalten von Frauen untersucht hat. Einige meiden stark frequentierte Räume, weil sie sich nicht in das klassische männliche Läuferprofil einfügen oder sich unsicher fühlen. Gerade diese Gruppen nutzen dann aber öffentliche Räume zu Zeiten mit weniger Frequentierung, um Sport zu treiben.
Ähnliche Unterschiede gibt es bei anderen Personengruppen. Einige marginalisierte Gruppen könnten den Park etwa als Schlafplatz nutzen. Das dürfte einer der Gründe sein, warum manche Bereiche wie der Augarten nicht rund um die Uhr geöffnet sind. Hinzu kommt eine symbolische und ökonomische Ebene. Historisch gab es die Vorstellung, dass Parks irgendwann geschlossen werden müssen. Praktisch spart man auch Personal und Überwachungskosten, wenn der Park nachts nicht zugänglich ist. Wien ist ohnehin nachts eine eher ruhige Stadt, sodass eine Rundumöffnung in vielen Fällen nicht notwendig erscheint.
Ja, das ist super interessant im Augarten. Man vergisst dort oft die Zeit, auch weil es keine öffentliche Uhr gibt, ein freier Raum, in dem die Zeit nicht so wichtig ist.Gleichzeitig gibt es die harte Grenze der Schließzeiten. Einerseits kann man seine Freizeit genießen, andererseits heißt es klar, wann man draußen sein muss. Stellt das einen Gegensatz für Sie dar?



Ich glaube, dass es keine Uhren gibt, ist ein bisschen ein Relikt. Uhren gibt es ja trotzdem, jeder hat sie bei sich. Der Stress verschwindet also nicht aus dem öffentlichen Raum. Auch die Wiener Würfeluhren verschwinden zunehmend oder werden verlagert, im Prater steht plötzlich wieder einer. Das sind Überbleibsel aus einer anderen Zeit, als nicht jeder ständig ein Telefon hatte und die Zeit anders präsent war. Heute sind wir so stark von Zeit durchsetzt, dass das kaum vergleichbar ist mit vor 70 Jahren. Trotzdem gibt es im Augarten so etwas wie einen Flecken, in dem Zeitlogiken zumindest partiell ausgesetzt sind und dann wieder die Schließzeiten.
Ist dieser besondere Umgang mit Zeit eher als Überbleibsel aus einer anderen Epoche zu verstehen, oder besitzt die partielle Aussetzung von Zeitlogiken, trotz allgegenwärtiger individueller Zeitmessung, weiterhin eine chronopolitische oder stadtplanerische Relevanz? Gibt es aus Ihrer Sicht einen Blickwinkel auf Zeit im öffentlichen Raum bzw. im Augarten, der in diesem Zusammenhang noch wichtig wäre?



Ich frage mich manchmal, wie man die Alltagslogiken einer Stadt betrachtet. Oft wird sie nur aus der klassischen Nutzer*innen-Perspektive gesehen, dabei gibt es auch andere Zeitlichkeiten. Der Augarten ist etwa ein langfristiger Erinnerungsort und Lebensraum für Tiere. Ihn nachts finster zu halten, ist eine Qualität für all die Tiere, die dort leben. Überbeleuchtung der Stadt verdrängt andere Nutzungen, und geschlossene Parks erlauben dem Fuchs, nachts anders unterwegs zu sein. Wenn wir Städte nicht nur für Menschen denken, kann man hier Naturräume intensiv erleben. Frühling, wenn alles sprießt, oder Herbst, wenn die Blätter fallen. Daraus ergibt sich die Frage, wie menschliche Nutzungslogiken mit den Logiken von Naturräumen korrelieren oder ihnen widersprechen. Es gibt auch andere Ebenen der Zeitlichkeit, etwa lange Linien der Stadt, wie Wasserläufe, historische Strukturen. Deshalb ist eine automatische Öffnung von Parks nicht zwingend für alle vorteilhaft. Ich verstehe den Wunsch nach Zugang, finde aber etwa das Schließen mitten am Nachmittag eigenartig. Es gibt einfach verschiedene Ebenen, die man bedenken muss.
Zu Beginn des Semesters haben wir eine Umfrage gemacht, wie die Nutzer*innen die Schließzeiten empfinden. Die meisten sprachen sich dafür aus, die Zeiten so anzupassen, dass der Park tagsüber und abends genutzt werden kann, ohne die Tiere nachts zu stören. So könnten Menschen auch abends noch spazieren gehen oder den Hund ausführen. Wir haben uns gefragt, warum diese Schließzeiten überhaupt bestehen, wo andere Parks gut ohne funktionieren?



Ich glaube nicht, dass die Schließzeiten ökologisch motiviert sind, das würde ich der Burghauptmannschaft nicht zutrauen. Aber es bringt wenig, den Park erst um 11 zu sperren, denn viele Tiere sind am Beginn oder Ende der Dunkelheit aktiv. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Burghauptmannschaft darauf groß Rücksicht nimmt.
Wie groß der Druck auf den Augarten wäre, ist schwer einzuschätzen, weil er zentral liegt, anders als der Grüne Prater im hinteren Bereich mit Tümpeln, die Tieren nachts Rückzugsmöglichkeiten bieten. Dort fühlen sie sich sicher. Im Augarten könnte es anders sein. Die Wiesenflächen würden im Sommer vielleicht als Partyort genutzt, ähnlich wie die stark frequentierte Donauinsel heute.
Früher hatten fast alle Häuser feste Schließzeiten. Ein Hausmeister öffnete und schloss die Türen, später musste man Strafe zahlen oder kam gar nicht mehr rein. Ähnliche Logik gibt es heute noch in anderen Ländern, etwa bei Skateparks, die abends gesperrt werden. Die Hausmeister waren deswegen unbeliebt, weil sie nicht nur die Mieten eintrieben, sondern auch kontrollierten, wer wie lange draußen blieb, eine klare Überwachungsinstanz.
Vielen Dank für die Einblicke – das war spannend, gerade auch mit Blick auf Chronopolitik und Zeit. Die Beispiele, z. B. aus Paris, helfen zu verstehen, woher Schließzeiten kommen.