FLAKTÜRME

Gefechtsturm & Leitturm

KAPITEL 7:
Macht aus Beton

Das Flakturmpaar im Wiener Augarten im 2. Bezirk (Leopoldstadt) wurde zwischen Juli 1944 und Januar 1945 errichtet und trug den Codenamen „Peter“. Es besteht aus einem Gefechtsturm und einem rund 400 Meter entfernten Leitturm. Die Planung erfolgte im Wiener Büro des Architekten Friedrich Tamms nach dem sogenannten Bautyp III, der die zuletzt entwickelte und technisch fortgeschrittenste Form der nationalsozialistischen Flaktürme darstellte. Gestalterisch orientierten sich die massiven Stahlbetonbauten an mittelalterlicher Wehrarchitektur, um Macht, Schutz und Wehrhaftigkeit zu symbolisieren und propagandistisch zu vermitteln. Offiziell sollten die Flaktürme sowohl der Luftabwehr als auch dem Schutz der Zivilbevölkerung dienen. In der Praxis war ihre militärische Bedeutung jedoch bereits ab 1943 als gering eingeschätzt worden. Ab Ende November 1944 wurde der Gefechtsturm für Zivilpersonen vollständig gesperrt, und auch der Zugang zum Leitturm war stark eingeschränkt. Nur ausgewählte Anwohnerinnen mit Kleinkindern sowie Personen über 65 Jahre durften ihn mit speziellen „Bunkerkarten“ betreten. Tatsächlich wurden große Teile der Türme für kriegswichtige Rüstungsproduktion genutzt. Mehrere Unternehmen belegten ganze Stockwerke, darunter die Wiener Radiowerke AG, Ernst Krause & Co. sowie Hoerbiger & Co. Die Flaktürme erfüllten damit weniger eine Schutzfunktion als vielmehr eine propagandistische und wirtschaftliche Rolle.Der Bau der Türme erfolgte unter massivem Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und militärinternierten Personen. Die eingesetzten Arbeiter stammen überwiegend aus Frankreich, Italien, der Sowjetunion und der Ukraine. Untergebracht waren sie in Lagern wie dem sogenannten „Lager Schleuse“ oder dem Freihauslager. Die Arbeitsbedingungen waren extrem hart: Hohe körperliche Belastung, schlechte Ernährung, unzureichende medizinische Versorgung und lange Arbeitszeiten führten zu schweren gesundheitlichen Langzeitschäden und hoher Sterblichkeit.

Viele Arbeiter wurden nur symbolisch entlohnt, da sie für Unterkunft und Verpflegung selbst aufkommen mussten. Wer arbeitsunfähig wurde, lief Gefahr, in Konzentrationslager wie Mauthausen deportiert zu werden.Die Flaktürme im Augarten wurden nie vollständig fertiggestellt, gingen jedoch provisorisch in Betrieb: Der Gefechtsturm im Dezember 1944, der Leitturm im Januar 1945. Bauliche Unvollständigkeiten – etwa fehlende Stufen in den Treppenhäusern oder provisorische Innenräume – sind bis heute sichtbar. Nach Kriegsende kam es zu schweren Beschädigungen, unter anderem durch eine Explosion gelagerter Munition im Jahr 1946, die Teile des Innenraums zerstörte. Dennoch gelten die Türme aufgrund ihrer extrem massiven Bauweise als nahezu unzerstörbar. Heute befinden sich beide Türme im Besitz der Republik Österreich und werden von der Burghauptmannschaftverwaltet. Sie stehen leer und sind nicht öffentlich zugänglich. Aufgrund der hohen Kosten eines Abrisses und der strengen Denkmalschutzauflagen wurden wiederholt Nutzungskonzepte diskutiert, etwa als Museum oder Datencenter. Diese Vorhaben scheiterten bislang an finanziellen, politischen und gesellschaftlichen Widerständen. Das Flakturmpaar im Augarten ist damit ein authentisches, ambivalentes Relikt der nationalsozialistischen Herrschaft. Es steht zugleich für militärische Planung, propagandistische Inszenierung und die systematische Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Als weithin sichtbare Bauwerke im Wiener Stadtbild werfen die Türme bis heute die Frage auf, wie mit belastetem baulichem Erbe umzugehen ist und welche Rolle solche Orte in der Erinnerungskultureinnehmen sollen.

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