NORDWESTBAHNHOF

Tracing Spaces: Nordwest
bahnhof

KAPITEL 10:
Dunkle Gleise

Der Nordwestbahnhof hat eine bewegte Geschichte, die auch sehr vom Nationalsozialismus geprägt ist. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde der Wiener Nordwestbahnhof rasch in das nationalsozialistische Verkehrs- und Herrschaftssystem eingebunden. Als einer der wichtigsten Güter- und Personenbahnhöfe Wiens erhielt er eine zentrale strategische Bedeutung für Militär, Wirtschaft und Verwaltung des Regimes. Der Bahnhof diente in erster Linie als logistischer Knotenpunkt. Über ihn wurden große Mengen an Rüstungsmaterial, Baustoffen und Versorgungsgütern transportiert. Besonders wichtig war seine Rolle bei der Anlieferung von Baumaterial für militärische Großprojekte in Wien, darunter auch die Flaktürme, etwa im Augarten. Für diese Transporte wurden eigens Gleisanschlüsse und Feldbahnen eingerichtet, die direkt von den Bahnanlagen zu den Baustellen führten. Der Nordwestbahnhof war damit ein wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Kriegsinfrastruktur.Mit zunehmender Dauer des Krieges wurde der Nordwestbahnhof mehrfach Ziel von alliierten Luftangriffen, da er als wichtiger Verkehrsknotenpunkt galt. Die Zerstörungen beeinträchtigten den Betrieb, dennoch versuchte die nationalsozialistische Verwaltung, den Bahnhof bis zum Kriegsende aufrechtzuerhalten. Gegen Ende des Krieges kam es zu chaotischen Zuständen, Evakuierungen und zum Zusammenbruch der Transportstrukturen.

In der nationalsozialistischen Perspektive galt der Nordwestbahnhof als unverzichtbares Instrument der Kriegsführung: als Transportzentrum, als Bindeglied zwischen Industrie, Militär und Bauprojekten sowie als Teil eines Systems, das Zwangsarbeit und Verfolgung organisatorisch abgesicherte. Heute steht der Ort exemplarisch für die Verstrickung scheinbar neutraler Infrastrukturen in die Verbrechen und Machtmechanismen des NS-Staates. Das Museum Nordwestbahnhof, betrieben von der Forschungs- und Kunstplattform Tracing Spaces, versteht sich vor allem als Ort kritischer Erinnerungsarbeit. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit den vielfach überlagerten historischen Schichten des ehemaligen Nordwestbahnhofs und seiner Rolle im 20. Jahrhundert. Ein besonderer Fokus liegt auf den nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer räumlichen Verankerung. Mit der Freiluft-Installation „Excavations from the darkest past“ macht Tracing Spaces ein lange verdrängtes Kapitel sichtbar: die antisemitische NS-Propagandaausstellung „Der ewige Jude“, die 1938 in der großen Bahnhofshalle des Nordwestbahnhofs gezeigt wurde. Die Intervention rekonstruiert am Originalort die Grundrisse der inzwischen abgerissenen Halle sowie der Ausstellung im Maßstab 1:1 und verortet damit die nationalsozialistische Hetze, Ausgrenzung und Gewalt konkret im urbanen Raum.

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