Interview

Ein Gespräch mit Liz Zimmermann

Liz Zimmermann ist eine österreichische Landschaftsarchitektin, die sich auf die Gestaltung lebendiger und vielseitig nutzbarer Freiräume spezialisiert hat. Nach ihrem Studium an der BOKU Wien sammelte sie umfassende Erfahrung in mehreren Wiener Planungsbüros, bevor sie 2018 zusammen mit Katja Simma das Atelier Simma Zimmermann gründete. Zurzeit besteht das Büro aus vier Mitarbeiterinnen und zwei Chefinnen. In ihrer Arbeit verbindet sie ökologische Sensibilität mit klaren gestalterischen Konzepten und legt besonderen Wert auf Mitbestimmungsprozesse. Ihre Projekte, die sich mit städtischen Grünräumen über Wohnumfelder bis zu Bildungsfreiräumen beschäftigen, stellen die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt und schaffen Orte mit Identität, Nutzungsvielfalt und einen langfristigen Bestand.Außerdem ist sie in der Architekturforschung tätig.

„[Die Flächen hinter den Hecken] sind Möglichkeitsräume für mich.“

Welche Erfahrungen haben Sie mit informellen Nutzungen und Aneignungen in ihrer beruflichen Tätigkeit bereits gemacht?

Wir sehen die informelle Aneignung immer als ein wertvolles Indiz, um zu sehen, was für Bedürfnisse herrschen. Für uns ist das extrem spannend. Ich freue mich immer wahnsinnig über Trampelpfade, weil ich denke, das machen die Leute. Zum Beispiel gibt es in Parks oft neben dem Asphalt noch einen Trampelpfad. Das sind die Läufer:innen, die nicht so hart laufen wollen. Oder es fehlen Wegeverbindungen. Oder es werden irgendwo Beete angelegt. Ich liebe es. Zwischen Längenfeldgasse und Margaretengürtel gibt es eine Zone, da haben Asiat:innen angefangen Beete anzulegen, einfach im öffentlichen Raum. Und dann ist immer mehr gewachsen. Extrem spannend. Ich suche als Landschaftsarchitektin solche Spuren. Was heißt das dann für unsere Arbeit? Natürlich, wir sehen uns als Anwältinnen der Nutzer:innen und diese Spuren helfen uns. Es gibt natürlich andere Instrumente um die Leute ein bisschen mehr reinzuholen als nur unsere eigenen Wünsche. Aber diese Spuren sind ein Beitrag, an dem wir uns in der Planung zu orientieren. Und als Privatperson finde ich es einfach nur super.

Wir beschäftigen uns im Augarten vor allem mit den Räumen hinter den Hecken. Welche Funktionen könnten diese Räume aus Ihrer Sicht erfüllen?

Das sind Möglichkeitsräume für mich, auch dadurch, dass es zugelassen wird. Ich denke auch, dass es eine Änderung in der Strategie der Bundesgärten gab, denn diese intensive Nutzung gibt es noch nicht so lange und früher haben sie eher versucht die informellen Nutzungen unmöglich zu machen. Es gibt wahrscheinlich mehrere Gründe. Wahrscheinlich ist der Nutzungsdruck allgemein höher geworden in den letzten Jahren, dadurch, dass viele Leute an die Ränder des Augartens zugezogen sind. Ich glaube auch, dass die Leute heute aktiver den Freiraum nutzen. Besonders seit Corona hat sich da irgendwie eine andere Perspektive ergeben, sodass das nahe Grün noch wichtiger geworden ist. Und dann ist auch ein bisschen die Hemmung gefallen, sich in einem historischen Garten wie dem Augarten etwas anzueignen.Während Corona hatten die Menschen nur die Möglichkeit in den Park  spazieren zu gehen, alle anderen Optionen, wie Reisen sind weggefallen. Sie waren zurückgeworfen auf die pure Struktur der Stadt und das hat ihnen die Augen geöffnet. So haben die Parks und Wälder einen Wert bekommen. Und das hält bis jetzt an. Das gemeinsame Gärtnern gab es schon vor Corona, aber es hat sich noch verstärkt. Auch das Interesse am öffentlichen Raum und der Stadtgeschichte hat sehr zugenommen.

Hat es sich aus Ihrer Sicht verändert, wie die Bundesgärten mit den Nutzungsabweichungen umgehen?

Wenn man zwischen konservativ und nutzungsorientiert denkt, dann haben die Bundesgärten eher eine konservative Haltung. Dies zeigt sich unter anderem in der starken Betonung der gestalterischen Wirkung, wie die optische Wirkung von Blumenrabatten oder Wechselflor. Sie haben auch historisch bedeutsame oder teilweise unter Denkmalschutz stehende Gärten zu verwalten, aber sie sind eher nicht diejenigen, welche stark auf Änderung von Nutzungswünschen eingehen. Sie können trotzdem, aus Personalmangel, Geldmangel oder anderen Gründen nicht viel gegen die Nutzungsänderungen durch die Wiener:innen tun. Die Bundesgärten nehmen diese Entwicklung eher aus Resignation als aus Überzeugung hin.

Was ist Ihre persönliche Einschätzung zu den Heckenräumen im Augarten?

Ich bin eine seltene Nutzerin des Augartens. Ich konzentriere mich sehr auf die Wege und darauf, dass das gut funktioniert. Und für mich als nicht eingeweihte tägliche Benutzerin die auch keinen Grund hat, mir dort was anzueignen, habe ich nie ganz verstanden, wohin die Pfade führen. Oft kann man nicht hineinsehen und ich war mir auch nicht sicher, ob da nicht zum Beispiel Obdachlose wohnen. Darum würde ich das nie benutzen, weil mir das zu intim ist und ich gar keinen Einblick habe wer da was macht. Ich hab ein leichtes Gefühl, dass mich das nichts angeht.Wenn ich jetzt aber jeden Tag in den Augarten gehen würde und das intensiv nutzen würde, dann würde ich einen ganz anderen Blick darauf haben. Dann würde ich das erforschen wollen.

Welche Potenziale könnten sich aus den informellen Nutzungen in den Heckenbereichen ergeben?

Mehr Identifikation, finde ich. Das Potenzial, was Neues zu lernen. Wie man mit Erde und Pflanzen vielleicht irgendwas schafft. Das Potenzial ist, dass es eine reichere Palette an Nutzungen ermöglicht. Das es nicht nur ganz klassisch die Hauptwege zum Spazierengehen, die klassischen Bänke zum Sitzen gibt, sondern dass es auch irgendwie andere Möglichkeiten gibt. Dass es vielleicht ein Ort ist, der auch Jugendliche abholt. Jugendliche sind im öffentlichen Raum schwer zu berücksichtigen. Freiräume für Jugendliche sind ein undankbares Thema, weil niemand sie neben sich haben will. Jugendliche wollen aber auch nicht unbedingt einen vorgefertigten Raum vorfinden. Und vielleicht gibt es hier die Möglichkeit, dass sie selber entscheiden können, wie sie einen Ort für sich herrichten möchten. Das sehe ich als Potenzial.

Könnte die Aneigung auch eine Gefahr sein, sodass die Heckenräume sich stark verändern?

Das sehe ich schon auch. Und natürlich ist es auch ein Thema, dass in diesen Räumen die Tiere und Pflanzen einen sehr schönen, ansprechenden Lebensraum finden, der bei einer erhöhten Nutzung verschwindet. Für den Naturraum kann es einen Nutzungskonflikt geben.

Was ist Ihre persönliche Einschätzung zu Veränderungen der Struktur der Heckenräume?

Ich sehe den Augarten als historischen Garten, mit verschiedenen Räumen. Es gibt offene Räume, halb geschlossene Räume und geschlossene Räume. Ich finde es sehr gut, dass es diesen Typus dort gibt und den stellen wir auch nicht mehr so her. Ich würde die Grundstruktur nicht ändern wollen, aufgrund der Prominenz und des Werts der historischen Gartenanlage, aber dass man innerhalb der Heckenräume etwas zulässt, finde ich gut. Diese Raumgrenzen sind etwas Interessantes und bilden einen speziellen Ort, deswegen würde ich sie lassen. Team Denkmalschutz.

Wenn der Augarten nicht unter Denkmalschutz stehen würde, würden sie dann eingeifen und aus diesen Wünschen etwas ableiten?

Ich glaube, der Zauber und der Charme dieser Sache ist, dass nichts Geplantes dort ist. Ich würde eher in die Richtung Ermöglichen gehen. Ich könnte mir schon vorstellen, dass man einen Beteiligungsprozess startet, wenn es einen Anlass gibt, wenn beispielsweise die Nutzungskonflikte zu groß werden und man eine Planung machen muss. Dann würde ich mit einem Beteiligungsprozess versuchen, die Nutzer:innen mit ins Boot zu holen.Und dann könnte man vorschlagen, dass ein paar von diesen Räumen so bleiben wie sie sind und frei entwickelt werden können. Andere könnten beplant werden, beispielsweise mit einer Urban Gardening Fläche, wenn der Wunsch danach besteht. Dann könnte sich in einem geeigneten Heckenraum ein Gemeinschaftsgarten ergeben. In diese gehen meine Ideen, aber ich würde unbedingt mit den Menschen dort arbeiten.  Wenn man so einen Prozess startet, muss man sich intensiv auf planerischer und auf denkmalpflegerischer Ebene damit beschäftigt haben. Und dann definiert man die Grenzen, etwa die Hecken müssen bleiben und werden auf bestimmte Art und Weise gepflegt. Innen gibt es eine gewisse Flexibilität und da kann man mit Ideen reingehen. Aber ich würde schon sagen, dass solche Prozesse unbedingt einen Rahmen erfordern.

Haben Sie bereits die Erfahrung gemacht, dass Flächen, die Sie geplant haben, angeeignet wurden?

Ich kann nicht sagen, dass die Umnutzung so stark gewesen wäre. In einem meiner ersten Projekte habe ich an einem Park für die Stadt Wien mitgearbeitet, bei dem auch eine Skaterrampe eingeplant wurde. Das war alles ganz frisch und es schaut sehr schön, aber auch sehr künstlich aus. Dann habe ich gesehen, dass, bevor der Park eröffnet wurde, jemand schon so viel Freude an dieser Skateranlage hatte, dass sie das intensiv verziert haben mit Graffiti. Ich fand es sehr schön, dass jemand schon weiter arbeitet.Bei einem Wohnbauprojekt von uns habe ich gemeinsam mit der Besiedlungsbetreuung angefangen eine kleine Urban Gardening Fläche anzulegen. Das ist nicht spontan von den Menschen gekommen, aber es waren Ansätze sie einzuladen, und dann haben sie auch mitgemacht.

Sie haben das Projekt Delta Cultura auf den Kapverden mitgegründet. Werden Orte dort stärker angeeignet?

Ja, auf jeden Fall. Die Kapverden sind von vielen informellen Prozessen in allen möglichen Lebenslagen, wirtschaftlich, familiär und gesellschaftlich, geprägt. Es wird viel mehr angeeignet und improvisiert. Und das finde ich extrem spannend. Daraus schöpfe ich Ideen oder spannende Ansätze. Nicht nur auf landschaftsarchitektonischer Ebene, auch auf gesellschaftlicher Ebene. Die Gesellschaft funktioniert ein bisschen anders. Die Kapverden sind sehr interessant, weil sie eine starke Diaspora haben. Auf den Inseln leben vielleicht 600.000 Leute, in der Welt verstreut noch mal 1 Million. Und deswegen haben sie Internet im öffentlichen Raum gehabt, da haben wir das noch gar nicht gekannt. Das hat einfach auch mit den Bedürfnissen der Leute nach Kommunikation mit ihren Verwandten und Freund:innen im Ausland zu tun. Und solche Sachen finde ich spannend.